15. März 2020

«Wer an AI denkt, dem soll als erstes die Schweiz einfallen»

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Dalith Steiger und ihr Co-Founder Andy Fitze setzen sich mit Kopf und Herz dafür ein, dass die Schweiz in Sachen AI zu einem globalen AI Hub wird. Für ihr Engagement ist
sie nun zum Digital Shaper ernannt worden – eine Auszeichnung, die bislang nur ganz wenigen Frauen zuteil wurde. Im Interview gibt sie Auskunft, woher sie ihre Kraft und Motivation schöpft, und sie erklärt, weshalb sich die Schweiz in Bezug auf AI keineswegs verstecken muss.

ti&m: Wie sieht Ihre Vision von der kognitiven Schweiz aus?
Dalith Steiger: Am Flughafen Zürich, Genf und Basel soll die Schweiz in Zukunft nicht nur mit Banken, Schokolade und Uhren werben, sondern auch mit kognitiven Technologien – dies ist unser Traum. Wir sind überzeugt, dass sich die Schweiz zu einem der Top 5 globalen Kompetenzzentren für kognitive Technologien entwickeln kann. Wer heute beispielsweise an Cyber 
Security denkt, dem kommt als erstes Israel in den Sinn. Diesen Mechanismus wünschen wir uns in der Schweiz in Bezug auf kognitive Technologien: Wer an AI denkt, dem soll als erstes die Schweiz einfallen. Das setzt allerdings voraus, dass wir unsere Hausaufgaben erledigen – und zwar konsequent und schnell. 

Welche Hausaufgaben sind das genau?
Bei der Forschung und Entwicklung sind wir hervorragend aufgestellt. Von der schieren Grösse her können wir aber nicht mit der Forschung und Entwicklung in den USA oder China mithalten. Unser Land ist geprägt von rund 600’000 KMUs. Die KMUs haben schon mit der Entwicklung rund um die Digitalisierung ihre Investitionen zu tragen. Jetzt kommen weitere Schritte für kognitive Technologien dazu. Stand bei der Digitalisierung mehrheitlich die Effizienz des Unternehmens im Vordergrund, werden mit künstlicher Intelligenz vor allem Produkte und Dienstleistungen verändert. Wie dies geht und wie dies im globalen Rennen um die Veränderungen von ganzen Branchen zu verstehen ist, ist genau die Herausforderung. 

Bei der messbar produktiven Implementierung von kognitiven Technologien fehlen die produktiven Cases noch, oder?
Ja, wir stehen erst am Anfang. Jedoch möchte ich betonen, dass in der Schweiz schon einiges läuft. Und gerade deshalb bringen wir mit SwissCognitive die vorhandenen Use Cases ans Tageslicht und nehmen «Reality Checks» vor. Wir möchten die Erwartungen richtig einordnen und die Firmen motivieren, sich mit den realen Möglichkeiten in ihrem Business auseinander­zu-setzen und sich gegenseitig auszutauschen. Insbesondere, da 
um den Begriff AI ein Hype besteht, der manchmal den klaren Blick trübt. 

Wie äussert sich das?
Je nach Blickwinkel haben wir 90 Prozent der Aufgaben bereits erledigt, anderseits müssen noch 90 Prozent erledigt werden. Bei der Einschätzung gibt es enorme Diskrepanzen. Siri beispiels­weise kann schon recht viel. Aber wenn ich an das ganze Potenzial denke, das dahintersteckt, komme ich zum Schluss, dass wir erst an der Oberfläche kratzen. 

Wie weit sind die Schweizer Unternehmen?
Mit der Gründung von SwissCognitive wollten wir nicht zuletzt herausfinden, wo die Schweizer Unternehmen stehen. Vor drei Jahren war die Schweiz, was kognitive Technologien angeht, noch ein Niemandsland. Zu unserem ersten Anlass erschienen 35 Firmen, die allesamt noch sehr wenig Ahnung hatten, wie, wo und warum sie kognitive Technologien einsetzen sollen. Die meisten waren sich aber bereits bewusst, dass da etwas auf sie zukommt. Alle dachten, in den USA sei man schon viel weiter. Wir haben etwas recherchiert und festgestellt, dass man auch ennet dem grossen Teich nur mit Wasser kocht. Eines muss man den Amerikanern aber lassen: Sie sind die besseren Verkäufer… 
Wir stellen jedenfalls fest, dass es hierzulande nach drei Jahren bereits eine ganze Menge praktische Use Cases gibt.
 
Warum hört man nichts davon?
Die Schweiz ist noch viel zu bescheiden. Tue Gutes und sprich darüber! Vor allem aber sollten wir unsere Erfahrungen austauschen. Es hilft, wenn wir voneinander lernen und profitieren können. Über Best Practices wird sehr gerne geredet, aber über die Worst Failures schweigen sich die Firmen lieber aus. Dabei sind doch gerade dies die wertvollen Erfahrungen und Projekte. Durch Scheitern lernt man. Es ist eine Tatsache, dass alle Unternehmen mit der Datenqualität zu kämpfen haben, allerdings wollte das zu Beginn niemand laut und öffentlich eingestehen. Warum bloss? Probleme werden nicht gelöst, indem man sie totschweigt. Pro­bleme werden gelöst, indem man sie aktiv angeht.

Welche Stellung nimmt der Mensch ein?
Der Mensch ist das zentrale Element. Ohne ihn nutzt die beste Technologie nichts. Um es auf einen einfachen Nenner zu 
bringen: 10 Prozent ist Technologie, 90 Prozent geht es um den Menschen – das dürfen wir nie ausser Acht lassen!

«Die Superintelligenz, welche 
uns allen Angst bereitet, ist heute 
ein theoretischer Entwurf 
ohne Realitätsbezug.»

Wie begründet sind die Ängste in der öffentlichen Diskussion?
Technologien verändern nicht nur Geschäftsprozesse, sondern eben auch unsere Gesellschaft, und somit auch unsere Arbeitswelt. Dies macht uns betroffen. Die Bevölkerung hat ein Anrecht zu wissen, was man heute mit AI schon machen kann und wie weit wir schon sind. Leider wird hier mit Science-Fiction Angst geschürt. Ich wünschte mir, dass die Medien mehr zur faktischen Aufklärung über die Technologien beitragen. Dann könnten die Diskussionen am Küchen- und Stammtisch eine realistische Richtung nehmen. Schlussendlich reden wir nach wie vor von Algorithmen, welche nur in sehr eng definierten Feldern eingesetzt werden können. Wir machen momentan weltweit die ersten Schritte mit dem Einsatz von kognitiven Technologien. Bis der erste intuitiv selbstlernende, multi-tasking-fähige Hausroboter auf den Markt kommt, wird noch viel Wasser den Rhein hinunterfliessen. Die Superintelligenz, welche uns allen Angst bereitet, ist heute ein theoretischer Entwurf ohne Realitätsbezug. Ich möchte die 
Debatte versachlichen, und zwar dringend. Anderenfalls laufen wir Gefahr, uns auszubremsen und den Anschluss zu verlieren. Wo wir Schweizer in eine aktive und überaus wichtige Verant­wortungsrolle kommen sollten, ist in der Diskussion über die ethischen Fragen rund um AI. Mit unserer Neutralität und weltweiten Akzeptanz als Gesprächs- und Verhandlungspartner sind wir prädestiniert dazu, unsere Wertvorstellungen als Rahmen­bedingungen im Umgang mit AI zu stellen. Lasst uns das gemeinsam angehen.


Christoph Grau
Christoph Grau

Christoph Grau ist seit September 2018 bei ti&m tätig und verantwortet die Medienarbeit. Davor arbeitete er mehr als vier Jahre als Redaktor und später als stellvertretender Chefredaktor bei einem grossen Schweizer IT-Fachmagazin. Er studierte Chinawissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin.