01. März 2019

Die Digitalisierung braucht agile Strategieprozesse

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Althergebrachte Strategiezyklen werden den Anforderungen an die digitale Welt nicht mehr gerecht. Transformationsprozesse stellen völlig neue Anforderungen an die Art und Weise, wie die Strategie in Unternehmen entwickelt werden muss. Ständige Iterationen machen den Unterschied.

Die Herausforderungen der Digitalisierung sind in den Strategien vieler Unternehmen zu einem zentralen und lebensnotwendigen Bestandteil geworden. Der übliche Ablauf sieht folgendermassen aus: Unternehmensstrategien definieren strategische Ziele, um daraus eine Massnahmenplanung abzuleiten, welche das Unternehmen für das digitale Zeitalter fit machen soll. Vor der Erarbeitung der Strategie steht zunächst ein langer Research- Prozess. Dieser analysiert das aktuelle Marktumfeld, und daraus werden Prognosen für die Zukunft abgeleitet. 

Auf dieser Basis werden schliesslich Ziele definiert, die dann mit Projekten und Massnahmen hinterlegt werden. Das Resultat dieser Anstrengungen ist es, einen festen Plan vorzulegen, mit dem die Massnahmen zum Erreichen der Ziele abgearbeitet werden. Dann wird der Erfolg der Strategie in Form von KPIs oder idealerweise sogar einer Balanced Scorecard gemessen. Zwar wird jährlich in Reviews die Entwicklung noch einmal überprüft, aber ein grundlegendes Hinterfragen findet nicht mehr statt.

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Dies ist ein Prozess, der in eher statischen Unternehmenswelten perfekt passt. Doch durch die Digitalisierung werden Unternehmen häufig in hochgradig dynamische Situationen geworfen. Marktumfeld, Kundenbedürfnisse, eigene Fähigkeiten – alles ist plötzlich im Fluss. Dieser Herausforderung muss der Strategieprozess in Zukunft genügen. Neue Ansätze sind gefragt, vor allem, wenn ein Unternehmen die Notwendigkeit der Transformation des eigenen Geschäftsmodells erkannt hat, aber noch nicht klar ist, wie dieses aussehen wird. 

 

Wissen generieren und mit Wissen die Strategie beeinflussen

Im Rahmen eines solchen Transformationsprozesses ist es essentiell, dass neue Erkenntnisse reflektiert werden und laufend wieder in die Strategie zurückfliessen (vgl. Grafik oben). Eine Bank lanciert beispielsweise eine neue strategische Dienstleistung. Dies kann ein Kundenportal, ein Robo-Advisor, eine Crowdfunding- Plattform oder ein KMU-Portal sein. Häufig werden dabei die Erwartungen bezüglich Nutzung und Wirtschaftlichkeit enttäuscht. Ein Hauptgrund ist zumeist, dass sich die zuvor getroffenen Annahmen als falsch erwiesen haben, oder dass die Dienstleistungen nicht den aktuellen Kundenbedürfnissen entsprachen.

Das Unternehmen muss nun herausfinden, welches genau die Bedürfnisse oder Erwartungen der Kunden sind. Im Anschluss muss dann z. B. das KMU-Portal so lange angepasst werden, bis die Nutzer zufriedengestellt sind und die Nutzung zufriedenstellend ist. In diesem Prozess hat die Bank sehr viel Wissen über tatsächliche Kundenbedürfnisse generiert.

Dieses Wissen muss aber ebenfalls wieder in die Strategie einfliessen. Dabei ist das Wissen so aufzubereiten, dass auch weitere Dienstleistungen davon profitieren. Die Strategie kann sich so laufend den Erkenntnissen und dem neu erworbenen Wissen anpassen. Ein zentrales Element bleibt dabei aber unverändert: Die Vision. Darin definiert ein Unternehmen, wofür es steht und wo es hinwill.


Erfahrungen wieder einfliessen lassen

Mit einem Bild gesprochen: Das Ziel mag klar sein, aber der Weg dorthin führt durch unbekanntes Gebiet. Manche Strässchen sind auf den ersten Blick zwar gut gepflastert und man kommt schnell voran, jedoch führen sie nicht zum Ziel, sondern bringen einem immer weiter weg. In diesen Situationen muss man manchmal zurückgehen oder den bekannten Weg verlassen. Langsam lernt man das Terrain immer besser kennen und findet sich mit der Zeit besser zurecht. Der richtige Weg weist sich erst im Laufe der Zeit und aus den Erfahrungen aus Fehlern wie auch Misserfolgen. 

Ein ähnliches Ziel wird im Projektgeschäft mit agilen Projektmethoden wie Scrum verfolgt. Mit jeder Iteration wird das Projekt «schlauer» und das neu generierte Wissen fliesst zurück in das Projekt. Am Ende kann das Projektergebnis unter Umständen markant von dem ursprünglich geplanten Vorhaben abweichen. Wichtig ist jedoch nur, dass die Vision erreicht wird.

 

Digitalisierung erfordert ein Umdenken

Auch wenn sich der klassische Strategieprozess in den letzten Jahrzehnten für viele Unternehmen bewährt hat, gehört ihm nicht die Zukunft. Durch die Digitalisierung schreitet der technologische Wandel schnell voran. Neue Geschäftsmodelle entstehen und setzen bestehende unter Druck. Firmen, die auch in Zukunft noch erfolgreich sein wollen, müssen daher zu flexibleren Formen der Strategiefindung kommen. Diese Formen erfordern zudem einen markanten Wandel hin zu einer Unternehmenskultur, in der auch das Lernen aus Fehlern zugelassen wird. 


Stefan Rüesch
Stefan Rüesch

Stefan Rüesch digitalisiert seit über 17 Jahren
verschiedene Geschäftsfelder als Manager und
Strategieberater bei Banken und Internetcompanies.
Bei ti&m verantwortet er den Bereich Digital Banking.