10. Dezember 2019

"Das Projekt SHIP ist ein riesiger Schritt bei der Digitalisierung"

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Durch das Projekt SHIP haben Krankenversicherungen und Leistungserbringer eine gemeinsame Sprache gefunden. Im Interview erklärt der CEO der SASIS AG, Domenico Fontana, warum das Projekt ein Meilenstein für die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist und welche entscheidende Rolle ti&m in dem fast zehn Jahre dauernden Unterfangen spielte.

Was genau ist das Projekt SHIP, welches Sie zusammen mit ti&m umgesetzt haben?

Domenico Fontana: SHIP ist ein Branchenprojekt der Krankenversicherer und Leistungserbringer, um die Kommunikation zwischen ihnen zu standardisieren und schliesslich zu automatisieren. Es geht dabei in der ersten Phase um die Abfrage, ob gewisse Leistungen durch die Versicherung gedeckt sind. Aktuell läuft die Kommunikation häufig über Fax, Telefon und sogar Post, was aufwändig und teils langwierig ist. Zum Projekt gehörte auch die Entwicklung von einheitlichen Prozessen für die harmonisierte Kommunikation zwischen den Parteien. Technologisch basiert alles auf einer verschlüsselten Punkt-zu-Punkt Kommunikation. Die SASIS AG bietet dazu die zentralen Dienste an. Das ist vereinfacht gesagt das Telefonbuch als Prozesssupport für die Teilnehmer. Ziel ist es, diesen und weitere Prozesse bei eCH als Standard anerkennen zu lassen.

 

Der Standard ist soeben offiziell anerkannt. Ein grosser Erfolg für Sie?

Ja, definitiv! Die ersten vier Standards wurden soeben publiziert. Zuvor haben die Standards einen ausführlichen öffentlichen Vernehmlassungsprozess durchlaufen. 

«Alle Begriffe so zu definieren, dass alle dasselbe verstehen, war schon eine Mammutaufgabe»

Warum war es so wichtig, die Kommunikation zu standardisieren?

Wichtig zu verstehen ist, dass Begriffe oft unterschiedlich verstanden wurde. Schon beim Hauptbegriff «Kostengutsprache» gab es keine einheitliche Definition. Die Begriffe mussten so definiert werden, dass alle dasselbe darunter verstehen. Das war schon eine Mammutaufgabe. Im Anschluss war die grösste Herausforderung die entsprechenden Prozesse zu definieren. Die benötigten Meldungsinhalte mussten festgelegt und alles mit der nötigen Semantik versehen werden. 

 

Deshalb hat das Projekt auch recht lange gedauert.

So ist es. Vor rund zehn Jahren haben wir begonnen, eine gemeinsame Sprache zu definieren. Die technische Umsetzung wurde nicht zeitgleich gestartet, daher blieb es zunächst ein Papiertiger. 2016 wurde das Projekt schliesslich völlig neu aufgegleist, mit einem Proof of Concept, das von ti&m entwickelt wurde.

 

Seit 2016 sind wir also mit im Boot?

Genau. Mit dem Proof of Concept wollten wir den beteiligten und finanzierenden Partnern auch visuell zeigen, welchen Mehrwert das Projekt für sie bietet. Im Prinzip haben wir in einer sogenannten Garage gearbeitet, um ein Minimum Viable Product (MVP) zu entwickeln.

 

Was das Vorgehen, erst ein MVP zu entwickeln, rückblickend gesehen der richtige Weg?

Ich glaube es war sogar der Game Changer im ganzen Projekt. Dadurch, dass wir aufzeigen konnten, wie die Informationen zwischen Leistungserbringer und Kostenträger ausgetauscht werden, hat viele Fragen beantwortet. 

 

Wie schwierig war es die gemeinsame Sprache zu finden?

Unser grosses Glück war, dass wir Mitarbeiter haben, die sich sehr gut im Krankenversicherungs- und Spital-Bereich auskennen. Sie haben sich zunächst die aktuellen Formulare angeschaut und sich dann mit den Pilotpartnern an einen Tisch gesetzt. So wurde zunächst der aktuelle Stand abgefragt und dann Schritt für Schritt eine gemeinsame Sprache entwickelt. Dies ging reibungslos vonstatten, denn alle Partner waren daran interessiert dieses Problem zu lösen. Nachdem wir die Begriffe geklärt hatten, konnten wir uns an die Standardisierung der Prozesse machen.

 

Nachdem Sie eine gemeinsame Sprache definiert hatten, konnte es mit der Digitalisierung losgehen. Was war dabei die Aufgabe von ti&m?

ti&m hatte den Auftrag die IT-Kompetenz und das Know-how bei der Digitalisierung einzubringen. Mit unserem Kernteam sollte ti&m dann eine Lösung erarbeiten, wie der Meldungsstandard – die Semantik – und die Prozesse in einem Konnektor gebündelt werden können. Die Ausgestaltung mit den Konnektoren und dem Teilnehmerverzeichnis war etwas ganz Neues und Innovatives. Das hätten wir alleine so nicht geschafft.

 

Nach den vielen Jahren der gemeinsamen Tätigkeit, wie lief die Zusammenarbeit mit ti&m?

Die Zusammenarbeit war immer sehr partnerschaftlich und konstruktiv. Bei einem solch grossen Projekt ist es natürlich, dass das Ziel nicht immer gleich erreicht wird. Es ist ein laufender Prozess indem man stetig dazulernt. Dazu gehören Fehlereingeständnisse und Neustarts.

 

Gab es auch negative Punkte?

Durch die lange Zeit liess es sich nicht vermeiden, dass der Code der Lösung von verschiedenen Leuten geschrieben wurde. In der aktuellen Härtungsphase wird nun auch daran gearbeitet, dass die Lösung auch im Code wartungsfreundlich daherkommt. Mit Thomas Grotehen von ti&m hatten wir zum Glück immer den gleichen Software-Architekten dabei, was sehr hilfreich war und immer noch ist. 

 

Haben Sie das gesamte Projekt durch agil gearbeitet?

Ja, alles war von Anfang an als agiles Projekt aufgegleist. Wir hatten nur das Ziel und einige Eckpunkte definiert. Das System sollte etwa sicher und verschlüsselt sein. Zudem sollte es auch dann funktionieren, wenn der zentrale Service bei uns einmal nicht verfügbar ist. Erreicht haben wir dies dadurch, dass die Meldungen nicht über einen zentralen Service laufen, sondern Punkt zu Punkt ausgetauscht werden.

 

Zusammen mit der Helsana und den Spitälern Solothurn ist die Lösung schon im Einsatz. Welchen Automatisierungsgrad konnten Sie erzielen?

Aktuell haben wir schon einen Automatisierungsgrad von rund 75 Prozent erreicht. Das bedeutet, das 75 Prozent der Anfragen an die Versicherung voll automatisch durch das Kernsystem beantwortet werden. Mit solch einem hohen Wert haben wir nicht gerechnet. 

«Eines ist sicher, der Weg führt künftig nicht an SHIP vorbei.»

Sie werden die Lösung jetzt weiter ausrollen. Wie reagieren die Spitäler darauf?

Aktuell sind schon einige grosse Spitäler im Pilot-Betrieb mit dabei. Sie sind gerade mit grossem Engagement dabei, SHIP in ihre Kernsysteme, wie etwa SAP, zu integrieren. Diese Lösungen werden auch anderen Spitälern zur Verfügung stehen

.

Wie sieht es bei den anderen Leistungserbringern etwa wie Spitex, Labore, Apotheken oder auch Hausärzten aus?

Diese können wir nicht alle einzeln integrieren. Da verfolgen wir den Ansatz, dass die Anbieter der Standard-Software für die Leistungserbringergruppen SHIP in ihre Systeme integrieren. Von dort können die Meldungen dann in strukturierter Form entlang den definierten Prozessen versendet werden. Dies wäre dann eine Lösung als Software as a Service, damit die Einstiegshürde möglichst tief ist. Mit den sehr geringen Betriebskosten gibt es somit keinen Grund mehr, SHIP nicht zu nutzen.

 

Das hört sich sehr positiv an. SHIP ist also ein grosser Schritt in Richtung Digitalisierung?

Es ist ein Riesenschritt, weil man sich die Mühe gemacht hat, die Begriffe und Prozesse zu harmonisieren. Nur dann kann man auch wirklich digitalisieren. Eines ist klar, der Weg führt künftig nicht an SHIP vorbei, denn das Gesundheits- und Versicherungswesen benötigt einen smarten Datenaustausch.
 


Christoph Grau
Christoph Grau

Christoph Grau ist seit September 2018 bei ti&m tätig und verantwortet die Medienarbeit. Davor arbeitete er mehr als vier Jahre als Redaktor und später als stellvertretender Chefredaktor bei einem grossen Schweizer IT-Fachmagazin. Er studierte Chinawissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin.