08. März 2019

Die Ruhe vor dem Sturm – oder ist die Disruption wieder abgesagt?

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Liebe Leserin, Lieber Leser

Wann haben Sie das letzte Mal das Wort «Disruption» in den Mund genommen? Und was waren die Reaktionen? Wohl eher ein belustigtes Abwinken als eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Ist es etwa schon wieder vorbei mit der digitalen Revolution und dem Ende der Welt, wie wir sie kennen? War alles nur Hype? Nun, ein «Hello World» auf der Blockchain ist sicherlich noch keine Killer-App. Hingegen zeigen Smart Contracts, die eine digitale Identität erzeugen und digitale Interaktionen wie z. B. die Verschreibung von Rezepten ermöglichen, zumindest das Potenzial auf. Auch wenn ich Alexa bei mir zu Hause eher als nervig empfinde, muss ich doch zugeben, dass die künstliche Intelligenz, die in der Kiste steckt, ziemlich beeindruckend ist. Und auch im Schweizer Markt haben erfolgreiche Digitalisierungsprojekte, teilweise gestaltet von ti&m, bereits ihre Spuren hinterlassen. «lezzgo» und die SBB-App haben das Kundenerlebnis im öffentlichen Personenverkehr verändert, Bankkunden eröffnen komplett digital neue Konten oder verlängern ihre Hypothekenverträge. Zudem verschmelzen E- und Mobile-Banking langsam zu einem echten digitalen Erlebnis (siehe Interview mit Markus Gygax, CEO Valiant Bank, Seite 28), immer mehr Schweizer bezahlen digital und die Stadt Zug bietet ihren Bürgern eine digitale Identität an (siehe Interview mit Martin Würmli, Stadtschreiber von Zug, S. 12).

Es geht also etwas in der Digitalisierung. Wenn auch noch nicht mit der Wucht und dem Tempo, wie es uns die Auguren der einschlägigen Trend-Analysten vorausgesagt haben. Vielleicht verläuft die Entwicklung doch linear, vielleicht aber haben wir einfach noch nicht den «Tipping Point» erreicht, der eine exponentielle Entwicklung auslöst. Zumindest gibt die Entwicklung den etablierten Unternehmen ein wenig Zeit zum Durchatmen und ermöglicht eine Neubewertung ihrer Situation. Zum Beispiel in ihrem Verhältnis zu den Start-ups, den sogenannten FinTechs, InsurTechs, PropTechs und sonstigen -Techs, die ja bereits als die Totengräber der etablierten Unternehmen ausgemacht waren. Wenn es sich zeigt, dass Substanz, Erfahrung und wirtschaftliche Potenz gepaart mit hoher Pace und dem Willen zur ständigen Erneuerung einer von Investoren befeuerten Suche nach dem schnellen Gewinn mittels fragiler Business Cases doch überlegen ist, dann ist wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Manche Branchen scheinen ja entweder wie das Kaninchen vor der digitalen Schlange zu hocken, oder aber sie sind in hektische, wenig zielführende Betriebsamkeit verfallen. Jetzt heisst es vielmehr: Rücken strecken, Augen nach vorne und sich fit zu machen, um die Welle zu surfen, statt von ihr davongetragen zu werden.

Vertrauen in die eigene Stärke heisst die Devise. Abschottung und Verteidigung des Bestehenden sind Strategien von gestern. Die Schlüssel für den Erfolg in der digitalen Welt sind Offenheit, Zusammenarbeit, Innovationsfreude und unternehmerischer Mut. Diese Werte gilt es sowohl intern in der eigenen Organisation als auch nach aussen auf dem Markt zu entwickeln und zu vertreten, wie es etwa das ewz vormacht (Seite 20). Agilität, Zusammenarbeit über fachliche Grenzen hinweg, autonome Entscheidungen und eine konsequente Ausrichtung auf die sich ändernden Bedürfnisse der Kunden heisst das für die Organisation. Im Marktauftritt bedeutet das z. B., dass mit eigenen Süppchen beim digitalen Bezahlen oder einer Verweigerungshaltung bei PSD2 auf die Dauer kein Blumentopf zu gewinnen ist.

«Die Entwicklung gibt den etablierten Unternehmen ein wenig Zeit zum Durchatmen und ermöglicht die Neubewertung ihrer Situation.»

Offenheit und Selbstvertrauen sind auch die Garanten für eine erfolgreiche Adaption der neuen Technologien. Ein Verständnis der Funktionsweisen und ein sprichwörtliches Begreifen der Möglichkeiten durch Ausprobieren, z. B. in der ti&m garage, verwandeln die vermeintlichen Bedrohungen der bisherigen Geschäftsmodelle durch Cloud Computing, Blockchain und Artificial Intelligence in mächtige Potenziale für die eigene Zukunft. Die tiefgreifende Veränderung ist also nicht abgesagt, höchsten wird das Kunstwort «Disruption» wieder in der Versenkung verschwinden. Als ti&m freuen wir uns, diese Veränderung auch in den kommenden Jahren gemeinsam mit Ihnen, unseren Kunden, zu gestalten. Und wir freuen uns, Ihnen mit dem ti&m special 2019 wieder eine Auswahl von Visionen, Meinungen und Erfahrungen von renommierten Autoren zum Thema vorlegen zu können. Mögen sie Anregung zu offenen, spannenden und fruchtbaren Diskussionen rund um die digitale Transformation sein.

Ihr Thomas Wüst 


Thomas Wüst
Thomas Wüst

Thomas Wüst hat Informatik an der ETH in Zürich studiert und ist seit über 30 Jahren in den Bereichen IT-Consulting und Software Engineering tätig. Anfang 2005 gründete er die ti&m AG und leitet seither das Unternehmen als CEO und Hauptaktionär. Ausserdem ist er Präsident des Verwaltungsrates der ti&m.