11. März 2021

«Der Ausbau unserer digitalen Infrastruktur muss oberste Priorität haben»

nicolas

Infrastructure // Als Dachverband vertritt digitalswitzerland mehr als 220 Firmen, welche die Schweiz als eine der innova­tivsten Länder bei der Digitalisierung positionieren wollen. Die Schweiz ist schon auf einem guten Weg dahin. Im Interview zeigt Nicolas Bürer, Managing Director von digital­­-switzerland, noch Schwächen auf und gibt Tipps für eine erfolgreiche digitale Transformation.

ti&m: digitalswitzerland fordert einen «Digital New Deal». Was genau verbirgt sich dahinter und an wen richten Sie diesen Appell?
Nicolas Bürer: Die Veränderungen, die in den letzten Monaten erfolgten, haben eine digitale Neuordnung eingeleitet. Diese neue Ausgangslage erfordert auch neue Denkansätze. Der «Digital New Deal» ist ein Appell dafür, dass die Infrastruktur, die Institutionen und die Innovationskraft der Schweiz zukunftsfähig gemacht werden sollen. Dieser Ansatz gründet auf einer hybriden Zukunftswelt, in der die analoge und digitale Welt zusammenwirken. Der Appell richtet sich hierbei an alle – an Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Welche Bereiche müssen mit dem «Digital New Deal» vor allem gestärkt werden?
In einem ersten Schritt stehen die digitale Infrastruktur, Bildung und Nachhaltigkeit im Fokus. Für eine digitale Schweiz der Zukunft muss der Ausbau unserer digitalen Infrastruktur oberste Priorität haben. Zudem ist es heutzutage wichtiger denn je, die digitale Integration zu stärken, indem Fähigkeiten aufgebaut werden, um in einer sich schnell verändernden und technologisch anspruchsvollen Welt informiert, involviert und kritisch zu bleiben. Technologie und Digitalisierung sind zukunftsweisend und können einen wich­tigen Beitrag zur Lösung dringlicher Probleme leisten. Es sollte eine bewusste Verbindung zwischen der Digitalisierung und den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit hergestellt werden. 

Die Schweiz ist laut dem Global Innova­tion Index das innovativste Land der Welt. Gilt das auch für die Digitalisierung?
Leider lässt sich diese Spitzenposition noch nicht vollständig auf die Digitalisierung übertragen. Die Schweiz belegte 2020 laut des «IMD World Digital Competitiveness Ranking» gesamthaft den 6. Platz (von 63 Ländern). In der Kategorie «Wissen» erreichte die Schweiz den zweiten Platz, in den Kategorien «Technologie» und «Nachhaltigkeit» liegen wir auf Platz 10. Auch in Bezug auf die im Land vorhandenen wissenschaftlichen Kompetenzen und der IT-Integration schneidet die Schweiz gut ab (7. Platz). Doch trotz solider Leistung besteht Verbesserungspotential. Eine Firma zu starten, ist weiterhin kompliziert in der Schweiz. Die Einwanderungsbestimmungen sind nicht sehr innovationsfreundlich und, wie in vielen anderen europä­ischen Ländern, ist die Marktkapitalisierung von IT-Unternehmen zu niedrig. Das für den digitalen Fortschritt verfügbare Kapital ist im Vergleich zu anderen Ländern moderat. 

Wo sehen Sie die Schwächen der Schweiz bei der Digitalisierung?
Es lassen sich drei Bereiche identifizieren, in denen Nachholbedarf besteht:

  1. Im Bereich der E-Verwaltung nimmt die Schweiz noch keine führende Position ein. Themen wie E-Steuern und das elektronische Patientendossier sollten ausgebaut werden. Einige verlegen daraufhin auch ihren Firmensitz ins Ausland.
  2. Hierzulande gibt es zu wenig sogenanntes Risikokapital – also Geld spezifisch für Start-ups. Das führt dazu, dass Start-ups im Ausland Geld aufnehmen. Einige verlegen daraufhin auch ihren Firmensitz ins Ausland. So verschwinden viele Unternehmen aus der Schweiz. Wenn sie erst einmal weg sind, finden sie selten den Weg zurück.
  3. Der MINT-Fachkräftemangel ist anhaltend hoch und vakante Stellen können nicht besetzt werden. Trotz aller wünschenswerten Anstrengungen muss mehr in Talente investiert werden.

In welchen Technologien könnte die Schweiz ihre Stärken ausspielen?

Die Schweiz sollte sich auf neue Industrien konzentrieren:

  1. Dezentrale Infrastruktur,
  2. Nationale digitale Infrastruktur (5G, IoT, Smart Home/Cities, Smart Mobility und Glasfaser),
  3. Advanced Manufacturing & Robotics,
  4. Personalisierte Medizin und
  5. Digitale Technologien zur Bewältigung sozialer und ökologischer Herausforderungen.

Wann wird ein digitaler Champion aus der Schweiz entwachsen?
Die Schweiz hat jetzt schon 20 – 30 vielversprechende Scale-ups. In den nächsten 5 Jahren können wir hoffentlich erwarten, dass einige von ihnen den Unicorn-Status erreichen, und wir können uns auch auf 2 – 3 IPOs freuen.

Welche Branchen sind die Vorreiter bei der digitalen Transformation?
Welche Bereiche müssen noch besonders stark aufholen?

Pioniere sind keine Industrien, sondern Akteure, die Industrien umgestalten. Das Taxigewerbe, die Uhrenindustrie oder die Hotellerie sind nur einige Beispiele dafür. In den meisten Branchen ist vieles in
Bewegung. Grossunternehmen und Konzerne befinden sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Die Industrie, das Gesundheitswesen, Finanzdienstleis­tungen und die industrielle Produktion werden in den nächsten Jahren einen weiteren grossen Schub erfahren.

Was sind für Sie die Kernpunkte einer Digitalisierungsstrategie? Welchen Ansatz empfehlen Sie Schweizer Unternehmen?
Digitalisierung verändert Kundeninteraktionen und revolutioniert die Wertschöpfungskette. Jede digitale Strategie sollte jedoch drei Kernfragen beinhalten:

  • Wie kann Kundenorientierung, Multikanal-Interaktion, Verbraucherfreundlichkeit und Produktinnovation gefördert werden?
  • Wie kann die interne Wertschöp­­fungskette wesentlich effizienter gestaltet werden?
  • Wie kann das eigene Geschäftsmodell dank Digitalisierung von Null auf 100 umgestellt werden und wie kann man sofort damit beginnen?

Wie sehen Sie die Situation bei der öffentlichen Verwaltung und im Bereich e-Government?
Das Bedürfnis nach digitaler Interaktion zwischen öffentlichen Institutionen auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene und den Bürgern nimmt weiter zu. Die jüngsten Erfahrungen haben gezeigt, dass nur eine leistungsfähige digitale Verwaltung Krisen effektiv und effizient bewältigen kann. Die Swiss Covid-App ist ein gutes Beispiel für Tech Made in Switzerland. Viele der bestehenden Probleme, z. B. mit der Verfügbarkeit von Daten, sind auf einen unzureichenden Digitalisierungsgrad zurückzuführen. Für die Schweiz ist es in dieser Hinsicht besonders entscheidend, die digitale Infrastruktur voranzutreiben. Unser Land verfügt über eine hervorragende physische Infrastruktur. Gleiches sollte für die digitale Infrastruktur gelten. Dies kann beispielsweise mit der e-ID, elektronischen Patientendossiers, 5G und Glasfaser realisiert werden. 

Welche politischen Impulse braucht es?
Ganz klar: Koordination und Kooperation zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Transversale und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtiger denn je. Mit Corona wurden innerhalb weniger Monate Silos aufgrund einer neuen Notwendigkeit und Dringlichkeit aufgebrochen. Dies verdeutlicht das Potential von multidisziplinären Ökosystemen. Die Stärkung der Zusammenarbeit im Bereich der digitalen Verwaltung zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden zur Nutzung von Synergien spielt eine zentrale Rolle.

Welche Auswirkungen wird die digitale Transformation auf die Gesellschaft haben? Wer werden die Gewinner sein, wer die Verlierer?
Die Welt wird hybrid und nicht mehr so, wie sie einmal war. Online und digital gehen Hand in Hand und ergänzen sich gegenseitig. Die Gewinner werden diejenigen sein, die sich an die neuen Umstände gewöhnen und die neue Welt positiv sehen. Es werden diejenigen gewinnen, die jeden Tag etwas Neues lernen, denn der Wandel schreitet schnell voran. In der Wirtschaft gewinnen diejenigen, die den digitalen Wandel als Chance begreifen und die bisher über eine gute Infrastruktur, eine agile Organisation und eine digitale Präsenz verfügen.

Die Corona-Krise war in vielen Bereichen ein Katalysator für die Digitalisierung. Welche langfristigen Auswirkungen wird es Ihrer Meinung haben?
Unsere Welt wird hybrid. Hybride Arbeitsmodelle, Homeoffice und digitale Zusammenarbeit werden zum neuen Standard. Transaktionen wie Einkaufen werden digitaler werden. Längerfristig erreichen die sozialen Interaktionen und Kontakte jedoch wieder einen Höhepunkt, und wir erfreuen uns am genussvollen Leben.


Nicolas Bürer
Nicolas Bürer

Seit 2016 leitet Nicolas Bürer den Branchenverband digital­switzerland als Managing Director. Der stu­dierte Physiker war unter anderem Mar­ke­ting Officer bei Deindeal.ch und Geschäfts­führer von Joiz. 2018 wurde er als Schweizer Business Angel ausge­zeichnet. Zudem grün­dete er das Umzugs­-
portal Movu.ch mit und fungiert als Verwal­tungsratspräsident.