13. Juni 2017

Autonome Postautos: unterwegs mit der Zukunft

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Autonome Fahrzeuge // Die autonomen Postautos haben keinen Fahrer und können dank ihrer leistungsfähigen Sensoren problemlos navigieren. Zum ersten Mal testet ein Unternehmen diese Technologie in der Schweiz im öffentlichen Raum.

PostAuto, die Stadt Sitten, der Kanton Wallis und die ETH Lausanne führen im Rahmen des Mobilitätslabors (Mobility Lab Sion-Valais) seit Ende Juni 2016 Tests mit zwei autonomen Shuttles durch. Die zwei vom französischen Unternehmen Navya entwickelten Fahrzeuge werden zu 100 Prozent elektrisch angetrieben. Die autonomen Kleinbusse fahren zentimetergenau auf einem mit höchster Präzision programmierten Rundkurs durch die Gassen des Walliser Hauptortes Sitten.

Die Kleinbusse halten automatisch an acht Haltestellen, bremsen selbstständig, wenn sie einem Hindernis begegnen und erkennen Gebäude sowie Fussgänger korrekt. «Es ist, als würde der Shuttle auf virtuellen Schienen fahren», erklärt Projektleiter Jürg Michel. «Wenn er diese zuvor gelernte Strecke verlässt, hält er an.» Wenn das geschieht, zum Beispiel, weil der Shuttle einem falsch parkierten Auto ausweichen muss, gibt der Bordcomputer Bescheid. Auf ihren Fahrten befördern die beiden Shuttles bis zu elf Personen bei maximal 20 Kilometern pro Stunde. Dabei sind sie zwar immer von instruierten Personen – sogenannten «Grooms» – begleitet, haben aber weder ein Lenkrad noch Brems- oder Gaspedale. Im Bedarfsfall steht ein Notfallknopf zur Verfügung, um das Fahrzeug anzuhalten.

Dank modernster Sensoren können die Fahrzeuge tagsüber wie auch nachts sehr präzise fahren und sämtliche Hindernisse und Signalisierungen auf der Strasse erkennen. Ein Programm des Lausanner Start-up-Unternehmens BestMile überwacht und steuert die beiden autonomen Fahrzeuge.

Test nicht ohne Zwischenfälle

Noch kommt es verschiedentlich zu Betriebsunterbrüchen, denn das System hat noch gewisse Kinderkrankheiten. Ende September wurde der Betrieb für zwei Wochen unterbrochen, da es zu einem Zwischenfall gekommen war. Einer der beiden SmartShuttles touchierte zwischen dem Place du Midi und dem Place du Scex die geöffnete Heckklappe eines abgestellten Lieferwagens. Nach dem Vorfall, bei dem der Lieferwagen und der im autonomen Modus fahrende SmartShuttle leicht beschädigt wurden, hatte PostAuto den Testbetrieb mit beiden Fahrzeugen vorübergehend unterbrochen.

In der Folge wurden die technischen Daten der Blackbox untersucht, die verschiedenen Streckenabschnitte analysiert, das Geschehene mit den Begleitpersonen besprochen und sogar die Unfallsituation vor Ort nachgestellt. Nachdem die möglichen Ursachen des Zusammenstosses intensiv geprüft und Massnahmen bestimmt worden waren, die einen solchen Vorfall zukünftig verhindern sollen, wurde der Testbetrieb im Oktober wieder aufgenommen.

Sonderbewilligungen nötig

Die gesetzlichen Bestimmungen für den Einsatz autonomer Fahrzeuge auf öffentlichen Strassen sind derzeit noch nicht abschliessend geregelt. Deshalb braucht es Sonderbewilligungen. PostAuto arbeitet diesbezüglich eng mit dem Fahrzeughersteller und den zuständigen Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene zusammen. Alle am Test beteiligten Firmen und Institutionen legen grössten Wert auf die Sicherheit der Fahrgäste. Parallel zu diesem einzigartigen Pilotversuch in Sitten arbeitet die ETH Lausanne daran, eine Flotte autonomer Shuttles in das System des öffentlichen Verkehrs zu integrieren und beispielsweise einen bedarfsorientierten Dienst möglich zu machen. Eine zentrale Voraussetzung für den Projekterfolg ist es, den Betrieb in Echtzeit durchzuführen und dabei den unterschiedlichen Bedürfnissen der Passagiere Rechnung zu tragen: Flexible Fahrpläne, Ruflinien oder Haus-zu-Haus-Dienste sind geplant oder zumindest angedacht.

Den Nutzen im öffentlichen Raum testen

Mit dem gross angelegten Test möchte PostAuto zusammen mit ihren Partnern neben den zahlreichen technischen Aspekten herausfinden, ob der Einsatz autonomer Shuttles im öffentlichen Raum machbar, lohnenswert und ein Bedürfnis ist. Insbesondere im öffentlichen Raum, beispielsweise in Fussgängerzonen, autofreien Ortschaften oder auf Firmengeländen, die bisher vom öffentlichen Verkehr nicht bedient wurden. Es ist nicht das Ziel, auf den bestehenden Linien Postautos durch autonome Fahrzeuge zu ersetzen, sondern es geht darum, die Transportmittel zu diversifizieren. Es gehen dadurch keine Fahrerstellen verloren. PostAuto wandelt sich vom führenden Busunternehmen im öffentlichen Verkehr der Schweiz zu einem ganzheitlichen Mobilitätsanbieter. Daher will PostAuto die Kunden vom Start bis zum Ziel mit passenden Dienstleistungen begleiten. Dazu passt der noch bis Oktober 2017 andauernde Test mit den autonomen Shuttles sehr gut, weil diese dereinst vielleicht dort zum Einsatz kommen können, wo bisher ein Verkehrsmittel fehlte.

 

Tipps

Die autonomen Shuttles verkehren jeweils von Dienstag bis Sonntag an den Nachmittagen. Am Freitag erst ab 15 Uhr, weil am Morgen der Sittener Wochenmarkt stattfindet. Während der Testphase sind die Fahrten gratis. Die SmartShuttle-App kann gratis im App Store heruntergeladen werden. Sie zeigt an, wo sich die beiden Shuttles gerade befinden. Während der Testphase können die Betriebszeiten jederzeit ändern. Informieren Sie sich deshalb auf den folgenden Webseiten über den aktuellen Fahrplan und weitere Infos: www.postauto.ch/smartshuttle

Fahrzeugdaten

Hersteller: Navya Länge: 4,80 m Breite: 2,05 m Höhe: 2,55 m Leergewicht: 2400 kg Sitzplätze: 11 Batterieleistung: 6 bis 12 Std. Batterieladezeit: 5 bis 8 Std. Maximale Geschwindigkeit während der Testphase: 20 km/h

Eine ausklappbare Rampe im Fahrzeug erleichtert Personen mit eingeschränkter Mobilität den Einstieg. Die Shuttles sind mit zwei Nothalteknöpfen und Überwachungskameras ausgestattet. Während der Testphase ist stets ein Sicherheitsfahrer (Groom) an Bord.

 

Mehr Lesematerial gefällig? Dieser Artikel ist in der 2017 Ausgabe des ti&m special mit dem Titel "Unsere digitale Identität" erschienen. Das ganze Magazin ist hier kostenlos als Download verfügbar.


Simon Rimle
Simon Rimle

Simon Rimle ist seit 2012 Leiter Kommunikation und Public Affairs sowie Mitglied der Geschäftsleitung von PostAuto. Der Betriebsökonom HWV war vorgängig in verschiedenen Funktionen bei den Schweizerischen Bundesbahnen, zuletzt als Leiter Kommunikation und Marketing SBB Immobilien, tätig. Weiter ist er Vorstandsmitglied des Informationsdiensts für den öffentlichen Verkehr LITRA sowie Stiftungsrat Schweiz Mobil. 

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