17. June 2020

Banking – made in Swiss Homeoffices

Homeoffice_work_business

Wandelt sich das Homeoffice nun auch für die Schweizer Bankenwelt zur Normalität? Zumindest ist sicher, dass die Covid-Krise langfristige Auswirkungen auf die Bankenkultur haben wird. Anhand von vier Hypothesen zeigen wir mögliche Veränderungen auf.

Hervorgerufen durch die Corona-Krise ist das Arbeiten im Homeoffice auch in der Bankenwelt längst zum Usus geworden. Bald wird der Lockdown vorbei sein. Aber welche längerfristigen Auswirkungen wird er auf die konservative Bankerwelt haben? In diesem Blog-Beitrag schaue ich mir potenzielle Auswirkungen des Homeoffice auf das Banking anhand von vier Hypothesen näher an. Daraus wird ersichtlich, wie der «new way of working» im Alltag eines Bankers aussehen kann. Ein Blick hinter den Vorhang lohnt sich. 

 

Hypothese 1: Banken könn(t)en auch digital – wenn sie müss(t)en.

Obschon die sorgfältig ausgewählten Hintergründe während Video-Calls bestimmt einige Kollegen und Kolleginnen beeindrucken, die eigentliche Frage ist, wie sich Banker während Telcos verhalten. Ebenso ist interessant, wie sie abseits davon ihren «gewohnten» Tätigkeiten nachgehen und ob durch das Homeoffice kurz- oder mittelfristig ihre Berufsausübung beeinflusst wird. Denn die eingesetzten Kollaborationstools, VPN-Zugriffe und in Ausnahmefällen die Rufumleitung, haben gezeigt, dass Technologien bereits heute ein dauerhaftes virtuelles Zusammenarbeiten ermöglichen. 

Ebenso scheinen die im Eiltempo angepassten Prozesse zu funktionieren, was auch die Transformation des Backoffice ins Homeoffice begünstigt. Dessen ungeachtet beruht der Löwenanteil an Tätigkeiten nach wie vor auf der Kompetenz der Belegschaft. Diese Kompetenzen wurden durch strukturierte Arbeitsabläufe in gewohntem Umfeld und in einer professionellen Atmosphäre erlernt und jahrelang angewendet. Geänderte Rahmenbedingungen erfordern somit auch eine Adaption der Arbeitsabläufe, um die gleiche Leistung abrufen zu können. 

 

Hypothese 2: Produktivitätssteigerung im Homeoffice ist nicht nur ein Mythos.

Norwegische Forscher haben gezeigt, dass bei der Betrachtung der Produktivität im Homeoffice die Unterscheidung zwischen Effizienz und Effektivität massgeblich ist. Während die Effektivität über virtuelle Teams identisch oder sogar grösser ist, kann die Effizienz durch die Abhängigkeit von technologiegestützter Kommunikation leiden. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Kommunikation nicht mehr mündlich, sondern vermehrt in schriftlicher Form stattfindet. 

Die positive Auswirkung durch effektiveres Arbeiten überwiegt aber im Schnitt, da durchschnittlich weniger Ablenkungen auftreten. Die Häufigkeit und Intensität solcher Ablenkungen sind allerdings je nach Mitarbeiter unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie hängen vor allem von externen Faktoren ab, welche das Arbeitsverhalten überproportional beeinflussen. Extrem negativ wirkt sich etwa aus, wenn sich Personen in einem extremen Ungleichgewicht von sozialer Nähe und physischer Distanz befinden. So hat beispielsweise die Forschung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bestätigt, dass es nicht DIE Lösung oder das EINE Tool gibt, um mit sozialer Isolation gut umzugehen. Unternehmen müssen daher auch die langfristigen Folgen von sozialer Isolation oder Überforderung frühzeitig in Betracht ziehen. 

 

Hypothese 3: Banker und Händler meiden im Homeoffice das Risiko.

Manager in der Finanzwelt treffen täglich eine Vielzahl an Entscheidungen. Die Krise hat sie jedoch vorsichtiger gemacht. Gründe für eine solche Risikoaversion können etwa sein:

  1.  Aufgrund der Erfahrungen in der Finanzkrise erwarten Banker in Ausnahmesituationen keine oder stark reduzierte Boni. Im Regelfall korreliert das eingegangene Risiko stark mit den erwarteten Incentives. Forschung hat gezeigt, dass die Risikobereitschaft entsprechend dem Krisengefühl sinkt. 
  2. Die Leitungsebene von Banken verordnet eine risikoarme Strategie. Dabei werden nur zwingend notwendige Initiativen mit unsicherem Ausgang verfolgt.
  3. Ebenfalls spielen Ablenkungen (wie Kinder, persönliche Gefühle oder das Essenkochen daheim) bei risikobehafteten Entscheidungen eine Rolle. Diese erschweren die Objektivität (siehe Hypothese 4) und können dazu führen, dass in einer unsicheren Umgebung risikoaversere Entscheide getroffen werden (Risikokompensation).

 

Hypothese 4: Beschwerden über das Tagesmenü der Kantine nehmen künftig ab.

Der Aufwand für eine selbst zubereitete ausgewogene Mahlzeit zur Mittagszeit stellt sich als unerwartete Herausforderung des Homeoffice heraus. Dass sich dadurch ein dauerhafter Frieden zwischen Kantinenmenüs und Mitarbeitenden einstellt, wage ich dennoch zu bezweifeln. 

 

Fazit & Ausblick: Was wir von der Post-Covid19-Bankingkultur erwarten können (vielleicht)

Goodbye “business as usual”. Dieser nicht nur in der Finanzwelt weit verbreitete Terminus muss neu definiert werden. In den Medien haben sich hier bereits Begriffe wie “the new normal” oder “the next normal” eingebürgert. Dieses neue Normal beinhaltet eine gesteigerte Akzeptanz von Homeoffice, obschon dieser Trend bereits vorher in vielen Banken zu erkennen war. Weiter wollen Kunden immer stärker über digitale Kanäle angesprochen werden. Dieser Trend ist ebenfalls nicht neu, hat aber stark zugenommen. Dies eröffnet Banken neue Möglichkeiten in den Feldern Prozesse und Backoffice. Hier hat die Industrie eine echte Chance, die hastig eingeführten und verprobten Schritte in Richtung Digitalisierung und Automatisierung auf gesunde Beine zu stellen und nachhaltig weiter zu bewirtschaften. 

Das Büro als zentraler Hub für Kommunikation, Aus- und Fortbildung sowie beruflicher Identität und Integration wird allerdings auch zukünftig essenziell bleiben. Es kann kaum davon ausgegangen werden, dass Schweizer Banker zu «Digitalen Nomaden» werden oder das Homeoffice dem Paradeplatz als Sinnbild für vertrauenswürdiges, sicheres Banking den Rang abläuft. Kurzfristig dürfte aber eine erhöhte Wertschätzung gegenüber den Kantinen bemerkbar sein.


Maximilian  Ebner
Maximilian Ebner

Als Executive Consultant berät Maximilian Ebner Banken bei ihrer digitalen Transformation. Er studierte Angewandte Volkswirtschaftslehre an der Wirschaftsuniversität Wien und Bank- und Finanzdienstleistungen an der Universität Liechtenstein.