18. September 2019

Wie AIDONIC mithilfe von ti&m das Spendenwesen revolutionieren will

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Das Spendenwesen krankt an Intransparenz und mangelnder Effizienz. Diese Probleme will das Schweizer Start-up AIDONIC von Severiyos Aydin lösen. In der ti&m garage erarbeiteten wir zusammen mit ihm einen ersten MVP in gerade einmal 2 Monaten. Das Projekt hat das Potenzial, das Spendenwesen weltweit zu revolutionieren.

In den letzten Jahren hat es bei Hilfsorganisationen zahlreiche Skandale gegeben. Grund war vor allem der intransparente Umgang mit Spendengeldern. Zudem versickert ein beachtlicher Teil der Spendengelder in der Verwaltung, dem Transport oder bei Bankgebühren, sodass schlussendlich nur ein Bruchteil der Spenden bei den Bedürftigen ankommt. Das Start-up AIDONIC will daher mit einem neuartigen Ansatz eine Alternative anbieten.

Die Blockchain-Technologie bietet auch für NGOs viel Potenzial

AIDONIC steht für «Aid, Donation und Electronic». Der Kopf hinter der Initiative ist Severiyos Aydin. Severiyos Familie gehört der christlich orthodoxen Glaubensgemeinschaft der Aramäer an, welche in ihrem damaligen Heimatland im Nahen Osten eine religiöse und ethnische Minderheit darstellt. Severiyos engagiert sich mit seiner NGO «Aramaic Relief International» seit sieben Jahren in der humanitären Hilfe für Kriegsopfer in Syrien, Irak und dem Südsudan. Alles Länder, in welchen Christen und andere Minderheiten wegen ihres Glaubens verfolgt werden. 

Durch seine Arbeit für Aramaic Relief International suchte er ständig nach Möglichkeiten, die Hilfsleistungen noch effizienter zu machen. Dabei stiess er schliesslich auf die Blockchain-Technologie. Er erkannte, dass diese Technologie auch für die humanitäre Hilfe viel Potenzial bietet. Bisher wurde in dem Bereich ausser theoretischen Überlegungen noch nicht viel unternommen. «Daraufhin habe ich den Entschluss gefasst, dass ich etwas machen muss», sagte Severiyos im Gespräch.

 

Wie AIDONIC funktioniert

Severiyos setzte sich also hin und brachte seine Idee zu Papier. Das Ergebnis verfeinerte er mit seinem Team noch weiter und heraus kam folgendes Konzept:


 
Die Grundidee ist, dass AIDONIC eine Plattform für NGOs werden soll. Via Crowdfunding können Gelder für Hilfskampagnen eingesammelt werden. Dabei müssen sie eine Gruppe von Empfängern (Beneficiaries) definieren und festlegen, welches Bedürfnis sie mit der Kampagne adressieren. Dies kann beispielsweise die Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten sein. Im Anschluss wird vor Ort eine Gruppe von Providern gesucht, welche die Bedürfnisse befriedigen können. 
Wenn die Kampagne zustande kommt, wird das Geld nicht direkt an die Empfänger ausbezahlt. Diese bekommen vielmehr einen tokenisierten Gutschein, der sie zum Bezug der Dienstleistung berechtigt. Der Gutschein kann mittels QR-Code digital oder auch analog eingelöst werden. Mit diesem Gutschein gehen sie zu den Providern und erhalten im Gegenzug die Dienstleistung. Die Gutscheine sind nur eine gewisse Zeitspanne und bei klar definierten Dienstleistern gültig. Dienstleister können die eingelösten Gutscheine jederzeit in Geld umwandeln. 

Auf diesem Weg werden gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wie Severiyos weiter ausführt. Zunächst fliesst das Geld direkt in die lokale Wirtschaft, was einen erheblichen Beitrag für den Wiederaufbau leistet. Zudem fliesst die Spende zielgerichtet, da sie an den vorher definierten Zweck gebunden ist.

 

Wie die Blockchain ins Spiel kommt

Da die Transaktionen über die Blockchain abgewickelt und dokumentiert werden, ist der Prozess zudem sehr transparent. Dies sowohl für die NGO als auch für den Spender. Ein Missbrauch kann damit praktisch ausgeschlossen werden.

Weiterhin lassen sich laut Severiyos auf diesem Weg die Transaktionskosten erheblich senken. Aktuell versickern weltweit zwischen 50-80 Prozent der Spenden. Mit dem Konzept von AIDONIC rechnet Severiyos mit einer Reduktion der Kosten auf weniger als 15 Prozent, darin beinhaltet sind auch die Projektkosten der jeweiligen Hilfsorganisation. In Zukunft könnte sogar eine Effizienz von über 90 Prozent erreicht werden, wie Severiyos weiter ausführte.

Über seine Netzwerke in der Zuger Blockchain-Community kam Severiyos schliesslich zu ti&m. ti&m-Beirat Thomas Dübendorfer stellte das Projekt vor und wir waren gleich Feuer und Flamme. Wir entschieden uns, gemeinsam in der ti&m garage einen MVP zu entwickeln. 

 

In nur zwei Monaten zum MVP

Der Startschuss für die Entwicklung fiel im Juni 2019. Zunächst kam Severiyos zu einem dreitätigen Workshop in die Garage. Zusammen mit ti&m-Designer Oliver Imhoff, ti&m-Engineer Alexander Kröll und ti&m-Projektleiter Moritz Baggenstos erarbeiteten sie ein erstes Konzept für das MVP. Ziel war es, dass alle Beteiligten einen möglichst guten Einblick in die Vision, in das Projekt und die Machbarkeit erhalten. 

Für den MVP trafen sie die Entscheidung, sich zunächst auf die sogenannte «letzte Meile» zu konzentrieren, also dem Werttransfer anhand Gutscheinen zwischen Empfängern und Providern. Als erster Testkunde wurde zunächst die NGO Aramaic Relief International von Severiyos einbezogen. «Die Möglichkeit für das Onboarding von weiteren NGOs wird erst in einem weiteren Schritt folgen», erklärte Oliver. «Nach den ersten drei Tagen habe ich begonnen, die ersten Skizzen und Szenarien designtechnisch umzusetzen. Wichtig waren dabei vor allem die ausformulierten Szenarien. Wir haben die Usergruppen bestimmt, den Vertretern echte Namen gegeben und den ganzen Prozess, den sie durchlaufen, in Worten beschrieben. Somit konnten wir uns alle ein noch besseres Bild davon machen, was der Umfang des MVPs sein sollte.»

Parallel dazu begann Alexander und das Entwicklungsteam mit der technischen Umsetzung. «Wir entschieden uns, die Lösung als klassische Web-App umzusetzen, also als eine für mobile Geräte optimierte Website». Laut Alexander gab es Folgendes zu beachten: «Die Idee war, dass die Service Provider und die Empfänger die Lösung auf dem Smartphone nutzen. Eine grosse Herausforderung war, die Lösung auf die in Entwicklungsländern gängigen, eher älteren Smartphones anzupassen.»

Als Blockchain entschied sich das Team für «Stellar». Stellar ist speziell für die Asset-Creation ausgelegt und zeichnet sich durch geringe Transaktionskosten wie auch eine gute Performance aus, führte Alexander weiter aus.

Durch die sehr enge Zusammenarbeit von Designern und Entwicklern ging das Projekt sehr schnell voran. Missverständnisse und Doppelspurigkeiten konnten so vermieden werden, wie Oliver betonte. Daher war das MVP nach gerade einmal 2 Monaten schon so weit fertig, dass es für das Testing in Syrien bereit war, worauf das ganze Team besonders stolz ist.

 

Screens

 

Es geht noch weiter

Auch für Severiyos war das Tempo beeindruckend: «Die Arbeit war wirklich super, ich habe nichts zu bemängeln. Die Arbeit mit Oliver, Alexander und Moritz war sehr angenehm. Vor allem schätze ich, dass sie aktiv ihre Gedanken mit eingebracht haben. Sie fragten viel und wollten ein tiefes Verständnis bekommen, bevor sie etwas umsetzten. Dies sieht man nicht oft so.»

Mit dem MVP ist er seit Anfang September in Syrien, um die ersten Erfahrungen in der Praxis zu sammeln. Die ersten Ergebnisse sind sehr vielversprechend, wie seine Posts auf Instagram und Youtube untermauern.

Im Gespräch dachte Severiyos auch schon an die nächsten Schritte. Mit den Erkenntnissen aus dem Feld will er möglichst bald die Plattform AIDONIC entsprechend ausbauen und weiteren NGOs die Möglichkeit bieten, sich onboarden zu können. Danach soll natürlich der Spendenprozess schon sehr bald funktionieren. Aktuell ist Severiyos auch in Verhandlungen mit Investoren, die er von seiner Vision überzeugen konnte. Oliver, Alexander und Moritz glauben sehr an den Erfolg und hoffen, dass sie AIDONIC in einer nächsten Phase weiterentwickeln dürfen. Ihnen hat die Arbeit an dem Projekt wahnsinnig viel Spass bereitet und sie sehen einen realen Mehrwert für alle Nutzergruppen. Oliver bringt es folgendermassen auf den Punkt: «Es ist wirklich ein sehr cooles Projekt, dass wirklich einen Impakt auf bedürftige Menschen hat. Wir sind alle sehr motiviert und hoffen, dass es bald weiter gehen kann.»

Björn Sörensen, Head of Innovation von ti&m hat die Garage eng begleitet und sagt begeistert: «Endlich mal ein praxisnaher Blockchain Case, der die Technologie sinnvoll nutzt und klaren Mehrwert für ein gesamtes Ökosystem bietet. Ich bin zuversichtlich, dass Severiyos und das Team die Vision weiterhin tatkräftig realisieren.»

Alle Seiten sind also heiss drauf, das Projekt möglichst schnell voranzutreiben. Wir bleiben am Ball und werden auch weiter darüber berichten.


Christoph Grau
Christoph Grau

Christoph Grau ist seit September 2018 bei ti&m tätig und verantwortet die Medienarbeit. Davor arbeitete er mehr als vier Jahre als Redaktor und später als stellvertretender Chefredaktor bei einem grossen Schweizer IT-Fachmagazin. Er studierte Chinawissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin.

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