Digitale Souveränität: Wie weit sind europäische Cloudanbieter?
Die Prämisse
Anforderungen
Wir vergleichen europäische Cloudanbieter sowohl untereinander als auch mit den führenden Hyperscalern Azure, AWS und GCP. Für diesen Beitrag beziehen wir jedoch nur Microsoft Azure als Referenz-Hyperscaler ein. Wir haben Anforderungen definiert, die jeder der Anbieter erfüllen muss, um eine faire Bewertung und damit einen nachvollziehbaren Vergleich zu ermöglichen:
Zertifizierungen:
Sowohl für KMU als auch für grosse Unternehmen sind zertifizierte Anbieter essenziell, um Gewissheit über die Betriebsfähigkeit zu haben.
Standards:
Um eine einfache Migration zwischen den Anbietern zu ermöglichen, sollten diese auf offene Standards und offene Software setzen. Gerade bei Datenbanken und der Server-Infrastruktur gibt es oft grosse Unterschiede.
Feature-Umfang:
Wie sich im weiteren Verlauf herausstellen wird, haben viele der Anbieter einen ähnlichen Feature-Umfang. Um ein Mindestmass an Qualität für den Betrieb unserer Software zu garantieren, haben wir verschiedene Stufen für Deployments festgehalten. Um von simplen Docker-Anwendungen zu grossen verteilten Systemen zu gelangen, müssen unsere Anbieter mehr als nur OpenStack können.
Developer Experience:
Ein grosses Produktportfolio ist wichtig. Doch Standards, die Entwicklern helfen, schnelle Prototypen und langfristige Deployments zu verwalten, sind genauso wichtig. Deshalb wird die Unterstützung von Infrastructure as Code (IaC) vorausgesetzt. Wir haben uns für Terraform entschieden, eines der bekanntesten cloudagnostischen Tools unter Entwicklern.
Abrechnungszyklen: Einige Workloads sind nur wenige Minuten bis Stunden aktiv. Hier sollte kein ganzer Monat abgerechnet werden.
Unsere Anbieter
Mit diesen Anforderungen können wir uns nun um die Auswahl der Provider sorgen. Als einer der neuen Anbieter darf STACKIT, die Lidl-Cloud, nicht fehlen. Hinzu kommt Hetzner, welcher für günstige und performante Cloudserver bekannt ist. IONOS ist ein bekannter Anbieter für KMU im deutschen Markt. Aber es sind nicht nur deutsche Anbieter getestet worden: Auch das französische Scaleway und das Schweizer Unternehmen Exoscale waren in unserem Test vertreten. Zuletzt wurde die Open Telekom Cloud gewählt, eines der ersten Angebote im europäischen Markt.
Der Vergleich
Hetzner
Wie bereits erwähnt ist Hetzner seit vielen Jahren für seine günstigen virtuellen Maschinen bekannt. Dazu bietet Hetzner einen erstklassigen Open-Source-entwickelten Terraform Provider und daher eine exzellente Developer Experience. Leider kann Hetzner im Feature-Umfang nicht punkten. Es gibt neben den VPCs wenige Managed Services wie Objektspeicher und Netzwerk-Tools wie Firewalls und Loadbalancer. Für Hetzner spricht der Betrieb eines Kubernetes Clusters oder anderer verteilter Dienste, eine wirkliche Hyperscaler-Qualität kann man allerdings nicht erwarten. Hetzner bietet stündliche Abrechnung seiner Ressourcen, die immer auf die nächste Stunde aufgerundet wird.
IONOS und Exoscale
Das Erste, was bei IONOS, der Cloud von 1&1, ins Auge sticht, ist der Virtual-Cloud-Konfigurator – ein Tool, in dem man per Drag and Drop Services provisionieren und ganze Netzwerke erstellen kann. Passend für Kleinunternehmen, die sich nicht viel mit der Infrastruktur befassen möchten. Unser Fokus liegt allerdings auf IaC. Der grosse Unterschied zu Hetzner sind die weiteren Managed Services wie DBaaS und Kubernetes. Für viele europäische Cloudanbieter gehören diese allerdings zum Standard, daher ist die Konkurrenz hier am grössten. Genau wie Hetzner bietet IONOS stundengenaue Abrechnungen. Der Schweizer Anbieter Exoscale ähnelt IO-NOS im Angebot, richtet sich jedoch an eine andere Zielgruppe. Während sich IONOS durch Tools wie den Virtual-Cloud-Konfigurator sehr einsteigerfreundlich zeigt, ist Exoscale mehr auf IaC und Developer Experience fokussiert. Zusätzlich bietet Exoscale sekundengenaue Abrechnungen.
Scaleway
Scaleway ist sicher nicht unbekannt, doch bis vor Kurzem hatten wir noch nie mit dem französischen Anbieter gearbeitet. Wir waren positiv überrascht, wie viel Scaleway zu bieten hat. Neben den typischen VMs, DBaaS und Managed Kubernetes bietet Scaleway Serverless Functions und Containers. Im Hintergrund wird für die Serverless Containers auch nur Kubernetes verwendet, und man muss private Container Images in die Scaleway Container Registry hochladen. Allerdings ist dies das bislang einfachste Hosting unserer Infrastruktur. Log-Aggregie-rung und Metriken sind mit den Open Source Tools Grafana und Prometheus direkt in die Plattform integriert, mit vorgefertigten Dashboards. Scaleway ist definitiv weit vor der Konkurrenz und schon lange im Markt, um als sichere Alternative für kleinere Workloads zu dienen. Es gibt allerdings keine Rechenzentren in Deutschland. Zu Scaleway konnten wir keine genauen Angaben zu den Abrechnungszeiträumen finden. Es gibt nutzungsbasierte Dienste wie die Serverless Functions und Containers, allerdings auch Dienste wie DBaaS, die stundengenau abgerechnet werden.
STACKIT
Mit STACKIT haben wir zunächst schlechte Erfahrungen gemacht. Die Cloud der Schwarz- Gruppe, zu der auch Lidl gehört, wird in den Nachrichten als das deutsche AWS angepriesen. So weit ist STACKIT aber noch lange nicht. Obwohl wir alles gemäss Anleitung via Terraform konfiguriert haben, brauchten die Ressourcen teilweise mehrere Stunden, um fehlerfrei zu funktionieren. Ein Kubernetes Cluster hat bspw. bis zu acht Stunden gedauert. Am Ende lag es an einem Fehler im Terraform Provider, der das Standard-DNS nicht aus der Netzwerkzone übernommen hat. Der Support hat für die Lösung leider mehrere Wochen gebraucht, und die Dokumentation ist auch nicht aussagekräftig gewesen. Dennoch möchten wir den Support loben: Nach der Veröffentlichung meines Erfahrungsberichts meldete sich einer der Engineers von STACKIT und half uns weiter. Dennoch gab es weitere Probleme und Eigenheiten von STACKIT rund um das Thema Identity and Access Management, da alles etwas komplexer gestaltet ist als bei der europäischen Konkurrenz. Es gibt zwar einen grösseren Feature-Umfang als bei den anderen deutschsprachigen Anbietern, allerdings kommt STACKIT nicht an Scaleway heran. Eine Möglichkeit, Container-Apps zu starten, habe ich dem Engineer als Kundenwunsch mitgeteilt. Zuletzt waren wir über die hohen Preise verwundert, bis uns der Engineer mitteilte, dass sich die Plattform nicht an KMU, sondern an Grosskunden richtet. Wer die Preise der grossen Hyperscaler kennt, wird keine Überraschungen erleben. Wie bei allen deutschen Anbietern in diesem Vergleich rechnet STACKIT stundenbasiert ab.
Open Telekom Cloud
Wir wünschten, wir könnten etwas über die Open Telekom Cloud (OTC) erzählen, doch auch nach zwei Wochen konnten wir weder über die UI noch über Terraform mit der Cloud interagieren. Es würden Benutzerrechte fehlen. Doch auch der Ersteller der Organisation in der OTC konnte keine Server erstellen. Das Dashboard der OTC fällt regelmässig aus und ist nicht erreichbar, die UI ist inkonsistent und viele Informationen für die allgemeine Nutzung sind nicht weiter dokumentiert. Das ist schade, denn was den Feature-Umfang angeht, kommt die Magenta Cloud am nächsten an die Hyperscaler heran.
Fazit
Wir brauchen in Europa dringend Alternativen für unsere Infrastruktur, das ist bei der aktuellen Lage keine Frage. Doch wie unser Test zeigt, sind wir noch ein Stück davon entfernt, all unsere Workloads zu unseren heimischen Anbietern zu migrieren. Jeder der verglichenen Anbieter bietet Serverhosting an, und selbst Minimalanbieter wie Hetzner ermöglichen den Aufbau und Betrieb eines Kubernetes Clusters. Wir haben festgestellt, dass jeder Anbieter eine bestimmte Nische adressiert und sein Angebot darauf ausrichtet. Organisationen sollten bei den grossen Hyperscalern verstärkt auf cloud-native und cloud-agnostische Technologien setzen. Ein Vendor-Lock-in durch proprietäre Dienste wie Serverless Functions, Closed-Source- Datenbanken oder spezifische IaC-Werkzeuge sollte vermieden werden, um flexibel migrieren zu können. Zusätzlich kann eine Multi-Cloud-Strategie, bei der Workloads auf mehrere Anbieter verteilt werden, die Ausfallsicherheit und Datensouveränität erhöhen. Aktuelle Meldungen über Ausfälle, eine mögliche Digitalsteuer und neue Anbieter wie STACKIT verleihen der Diskussion zusätzliche Dynamik. Digitale Souveränität im Cloud-Kontext bleibt ein Thema, das die gesamte Branche aufmerksam verfolgen wird.
ti&m Special «KI und Open Source»