«Digitale Infrastrukturen sind das Fundament für eine erfolgreiche Schweiz»
asut hat diesen Frühling geschrieben, die wirtschaftliche Grosswetterlage sei rauer geworden. Was hat sich aus Ihrer Sicht konkret verändert?
Geopolitische Spannungen, strategische Machtverschiebungen und eine zunehmende Fragmentierung der Weltordnung verändern fundamental das Geschäftsumfeld, in dem sich Schweizer Unternehmen bewegen. Mit Auswirkungen auf Märkte, Lieferketten und Partnerschaften. Für ein kleines, hochvernetztes Land wie die Schweiz ist diese Entwicklung besonders herausfordernd. Unsere wirtschaftliche Stärke beruht nicht auf Grösse oder Rohstoffen, sondern auf Innovationskraft, Offenheit und funktionierenden Netzwerken. Dies gilt auch im Bereich der Infrastrukturen. Dabei sind leistungsfähige Kommunikationsnetze und sichere Dateninfrastrukturen nicht nur das technische Fundament der Digitalisierung, sondern stellen einen strategischen Wettbewerbs- und Standortfaktor dar. Deren Stärkung wird zunehmend zu einer Herausforderung.
Wir leben gefühlt im Dauerkrisenmodus. Wenn Sie auf die letzten zwei Jahrzehnte blicken – Finanzkrise, Eurokrise mit starkem Franken, Pandemie, Kriege –, ist die aktuelle Lage aus Ihrer Sicht aussergewöhnlich?
Krisen sind nicht neu. Aussergewöhnlich sind die Gleichzeitigkeit und die Geschwindigkeit, mit der sie sich gegenseitig verstärken. Finanzielle, geopolitische, technologische und gesellschaftliche Entwicklungen greifen immer stärker ineinander. Dadurch entsteht ein permanenter Anpassungsdruck auf Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Hinzu kommt, dass mit der Digitalisierung die globale Vernetzung noch umfassender wurde. Lieferketten, Energieversorgung, Datenströme oder Kommunikationsnetze sind eng miteinander verflochten. Störungen wirken deshalb unmittelbarer und globaler als früher. Für die Schweiz ist das besonders relevant, weil unser Wohlstand stark auf Offenheit, Stabilität und internationaler Vernetzung basiert. Gerade deshalb sind digitale Infrastrukturen, Innovationsfähigkeit und verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend. Daher ist es bedenklich, wenn unter dem Schlagwort «Digitale Souveränität» versucht wird, die digitalen Infrastrukturen oder Dienste aus einer nationalen Optik heraus zu regulieren oder gar die Schweiz abzuschotten.
Wo beobachten Sie aktuell Bestrebungen, digitale Infrastrukturen oder Dienste stärker zu regulieren oder abzuschotten?
Ein Blick auf neue Gesetzesvorlagen und diverse Vorstösse im Parlament zeigen diese Bestrebungen deutlich auf. Das geht von Einschränkungen bei der Nutzung von Cloud- Diensten durch die öffentliche Hand über neue Pflichten für Hosting- und Cloudanbieter oder die Regulation von Plattformdiensten bis zur Einführung neuer Netzsperren und zum Verbot von Starlink-Bodenstationen in der Schweiz. Viele Vorstösse beabsichtigen eigentlich, Schweizer IT-Unternehmen und unser digitales Ökosystem zu stärken. Dies geht aber nicht durch Abschottung und Auflagen. Viel wichtiger sind gute Rahmenbedingungen und gleich «kurze» Spiesse für Schweizer Unternehmen, welche mit globalen Anbietern im Wettbewerb stehen.
Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich bei der Digitalisierung? In welchen Bereichen sehen Sie Aufholbedarf?
Glaubt man dem IMD, dann steht die Schweiz beim «Digital Competitiveness Ranking» auf Platz 1. Schaut man aber, wo die grossen Tech-Konzerne herkommen, dann sieht es für die Schweiz und Europa nicht so rosig aus. Es stellt sich also die Frage, welche Rolle die Schweiz einnehmen will: Wollen wir mitlaufen oder aktiv gestalten? Wenn wir Gestalter sein wollen, gibt es durchaus Gebiete, in welchen wir hervorragend aufgestellt sind – etwa im Bereich der Drohnen und bei der Robotik zählt die Schweiz zur Weltspitze. Die Forschung, Fachkräfte – insbesondere auch aus dem Ausland – und die digitalen Infrastrukturen sind die Grundlage für die starke Stellung der Schweiz. Dabei sind es häufig Unternehmen aus anderen Branchen, die dank Digitalisierung ihre Wettbewerbsposition halten oder ausbauen können. Denken wir an Fintech, Pharma oder Industrieunternehmen. Trotzdem müssen wir auch realistisch bleiben: Wir haben weiterhin grossen Nachholbedarf im KMU-Bereich sowie im öffentlichen Sektor. Gerade dort bremsen Fragmentierung, Föderalismus und entsprechend langsame Prozesse die digitale Transformation. Entscheidend wird sein, dass wir Innovationen künftig schneller skalieren und regulatorisch agiler werden.
«Die digitale Infrastruktur in der Schweiz funktioniert so gut, dass viele vergessen, dass sie laufend modernisiert werden muss. Alle möchten eine gute Mobilfunkabdeckung und schnelle Datenverbindungen, aber der Bau von Mobilfunkantennen wird durch Einsprachen jahrelang verzögert.»– Christian Grasser
Wo sehen Sie aktuell die grössten Defizite in der digitalen Infrastruktur?
Die Schweiz verfügt heute zwar über sehr leistungsfähige digitale Infrastrukturen, aber genau darin liegt auch eine Gefahr: Vieles wird mittlerweile als selbstverständlich wahrgenommen. Man vergisst schnell, dass diese Infrastrukturen laufend modernisiert und weiterentwickelt werden müssen. In unserer Branche bedeutet Stillstand sehr schnell Rückschritt. Das zeigt sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung: Alle möchten eine gute Mobilfunkabdeckung und schnelle Datenverbindungen, aber der Bau von Mobilfunkantennen wird durch Einsprachen jahrelang verzögert. Wir alle nutzen Apps und Cloud-Dienste auf unseren Smartphones, aber beim Bau neuer Datacenter wird deren Stromverbrauch kritisiert und nicht die Bedeutung für die digitale Souveränität hervorgehoben. Hier braucht es Fakten und Aufklärung, beispielsweise durch unseren Verband. So haben wir schon vor drei Jahren in einer Studie darauf hingewiesen, dass die Verlagerung von firmeninternen Rechenzentren zu grossen Datacentern durch Effizienzgewinne den Stromverbrauch reduzieren kann. Anfang Mai 2026 wurde dies durch eine aktuelle Datenerhebung des Bundesamtes für Energie bestätigt.
Wo sehen Sie trotz aller Herausforderungen derzeit positive Entwicklungen?
Beispielsweise in der KI. In Forschung und Innovation sind Schweizer Hochschulen und Unternehmen stark und bringen bedeutende Entwicklungen hervor. Die Herausforderung liegt nun darin, daraus erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln und sich gegen internationale Mitbewerber durchzusetzen. Hier müssen wir aufpassen, nicht denselben Regulierungsfehler zu begehen wie Europa und dadurch Innovation und Marktchancen einzuschränken. Die grösste Herausforderung besteht deshalb darin, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen und damit auch unsere digitalen Infrastrukturen weiter zu stärken.
Die Schweiz treibt Projekte wie die E-ID und die Swiss Government Cloud voran. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die digitale Souveränität? Wo müssen wir resilienter und unabhängiger werden?
Die E-ID ist ein zentrales Instrument, um Vertrauen im digitalen Raum zu schaffen und damit eine Vielzahl von Abläufen und Prozessen zu vereinfachen und sicherer zu gestalten. Das Ja der Stimmbevölkerung war ein wichtiger Meilenstein und jetzt gilt es, rasch praxisnahe und wertschöpfende Anwendungen auf Basis der Vertrauensinfrastruktur einzuführen. Davon profitieren auch staatliche Akteure und damit stärkt die E-ID die digitale Souveränität und fördert gleichzeitig Innovationen. Bei Cloud-Diensten müsste eigentlich zuerst die Frage gestellt werden, welche Daten und Prozesse für das Funktionieren des Staates zwingend sind und wie dafür eine sichere Cloud-Umgebung geschaffen werden kann. Dass kritische Daten und Prozesse beispielsweise vom Bund in eigenen Datacentern gespeichert und verarbeitet werden, ist nachvollziehbar. Aber nicht alle Daten sind kritisch. Es braucht eine Risikoanalyse und dann können auch staatliche Daten in einer Public Cloud gespeichert werden. Digitale Souveränität wird eben auch durch Risikomanagement und Governance sichergestellt – und damit kann gleichzeitig die Effizienz erhöht werden. Auch das ist ein Win-win. Bei der digitalen Souveränität geht es eben nicht um Abschottung oder technologische Autarkie, sondern um die richtige Balance. Die Schweiz bleibt auf internationale Technologien, Lieferanten und Dienstleister sowie globale Wertschöpfungsketten angewiesen. Entscheidend ist deshalb, Gestaltungsmacht und Handlungsmöglichkeiten in einer vernetzten Welt sicherzustellen.
Wenn Sie drei Jahre in die Zukunft blicken: Wo sollte die Schweiz digital stehen und was muss bis dahin unbedingt gelingen?
Bei der Überprüfung der Verbandsstrategie im vergangenen Jahr haben wir die Messlatte hochgelegt: Die Schweiz soll in Zukunft nicht einfach etwas mehr digitalisiert sein, sondern wir glauben, dass die Schweiz hinsichtlich der digitalen Infrastrukturen auch international eine Vorreiterrolle einnehmen kann. Unser Anspruch ist, bei der Digitalisierung zur internationalen Spitze zu gehören. Nicht nur als Anwenderin, sondern auch als aktive Mitgestalterin. Dafür müssen mehrere Dinge gelingen: Erstens braucht es weiterhin erstklassige Kommunikations-, Netzwerk- und Dateninfrastrukturen. Zweitens müssen wir regulatorisch schneller und innovationsfreundlicher werden. Drittens braucht die Schweiz mehr Skalierungskraft, damit aus Forschung und technologischen Innovationen auch erfolgreiche Geschäftsmodelle entstehen. Und schliesslich muss die Schweiz ihre traditionelle Stärke – Offenheit und internationale Vernetzung – auch im digitalen Zeitalter bewahren. Unsere Zukunft liegt nicht in der Abschottung, sondern darin, ein kompetenter, vertrauenswürdiger und souveräner Knotenpunkt in einer global vernetzten digitalen Welt zu sein.
ti&m Special «Digitale Souveränität»