«Eine Ablösung kostet immer – das spricht nicht gegen Open Source»
Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie souverän sind Privatwirtschaft und öffentliche Verwaltung in der Schweiz?
5 von 10. Die Schweiz ist innovationsstark und in beiden Bereichen ist Expertise vorhanden. Unternehmen und öffentliche Verwaltung investieren massiv in die Digitalisierung, aber die tatsächliche Kontrolle über die eingesetzten Systeme sinkt. Die Abhängigkeit von wenigen globalen Software-Herstellern schafft Risiken, die über rein technische Aspekte hinausgehen. Wenn Kostenstrukturen einseitig diktiert werden und der Zugriff auf Daten durch fremde Rechtsräume gefährdet ist, ist die strategische Handlungsfreiheit eingeschränkt.
In den letzten Monaten gab es zunehmend Bewegung rund um das Thema. Handelt es sich um echte Fortschritte oder eher um medienwirksame Statements? Wie bereit sind öffentliche Verwaltung und Privatwirtschaft tatsächlich, Geld zu investieren, um ihre Abhängigkeiten zu verringern?
Wir erhalten sehr viele Anfragen rund um die Beschaffung und das Angebot von digital souveränen Lösungen. Öffentliche Verwaltungen oder Organisationen mit öffentlicher Trägerschaft, die mit sensitiven Daten arbeiten, gehören oft zu den ersten, die handeln. Von ihnen erhalten wir viele Anfragen nach Open-Source-Alternativen, da sie damit Herstellerabhängigkeiten vermeiden können. Weitere Nachfrage stellen wir da fest, wo Lizenzgebühren ein grosses Thema sind. Spätestens wenn diese steigen, werden Abhängigkeiten und deren Kosten bewusst. Beispiele dafür sind M365 oder Produkte von Atlassian. Nicht alle handeln aber nur aufgrund von Abhängigkeiten: Einige entscheiden sich für die Beschaffung von Open-Source-Software, um ihre Innovation zu stärken und gemeinsame Softwarenutzung und Weiterentwicklungen zu ermöglichen. Kombiniert mit den richtigen Strukturen fördern sie dabei gleichzeitig ihre digitale Souveränität.
Wann wären Sie mit der digitalen Souveränität in der Schweiz zufrieden?
Staaten wie auch Organisationen müssen selbst entscheiden, ob sie digitale Souveränität anstreben wollen und zu welchem Grad. Mein Ziel ist es, diejenigen zu unterstützen, welche sich für mehr digitale Souveränität entscheiden. Dazu muss die Markterschliessung von digital souveränen Alternativen gefördert werden. Das führt zu Wettbewerb an Orten, wo mittlerweile fast keiner mehr ist wie beispielsweise im Bereich der Arbeitsplatz- Software. Dieser Wettbewerb sorgt dafür, dass Preise nicht ins Unermessliche steigen und involvierte Anbieter innovativ bleiben. Davon profitieren sowohl jene, die digitale Souveränität anstreben, als auch alle anderen. Sie alle erhalten damit bessere Wahlmöglichkeiten, und das ist entscheidend.
Was sind die grössten Bremsklötze für die digitale Souveränität in der Schweiz?
Es besteht ein noch eher geringes Bewusstsein für digital souveräne Lösungen und die Innovationskraft von Schweizer und EU Unternehmen. Es gibt wenig Unterstützung und Angebote für Beschaffer, sowohl rechtlich wie auch technisch. Und es fehlen Organisationen, die gemeinsame Beschaffung, Nutzung, Unterhalt und Weiterentwicklung von Open-Source-Software koordinieren.
Was tut sich in anderen Ländern? Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?
Schleswig-Holstein hat nun erfolgreich auf Open Source umgestellt und dient damit vielen öffentlichen Organisationen als Beweis, dass solche Projekte erfolgreich und wirtschaftlich sein können. Im Jahr 2026 wird das Bundesland 15 Millionen Franken an Lizenzkosten sparen, bei neun Millionen Franken Kosten für zusätzliche Migrationen und Weiterentwicklungen. In der EU wird digitale Souveränität bereits stärker diskutiert und es bestehen konkrete Initiativen. Einerseits soll im Rahmen der jurisdiktionellen Souveränität mehr von europäischen Unternehmen beschafft werden, die nicht extraterritorialen Rechtszugriffen unterliegen. Andererseits hat ein Teil der Gesellschaft die technologische Souveränität im Fokus und sieht diese erreichbar durch die Förderung von Open-Source-Software und Open Source Cloud Stack. So entstand beispielsweise der Sovereign Cloud Stack (SCS) als standardisierte souveräne Open-Source-Cloud- und Container-Plattform. Besonders erwähnenswert: Um die angesprochene fehlende Koordination rund um Open-Source-Angebote und Beschaffung anzugehen, wurde in Deutschland das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) gegründet. In Frankreich wiederum übernimmt die interministerielle Direktion für Digitalisierung (DINUM) ähnliche Aufgaben. Diese arbeiten zusammen und es etabliert sich gerade eine Zusammenarbeit über weitere Länder. In Deutschland hat der IT-Planungsrat diesen März neue Musterverträge für die IT-Beschaffung herausgegeben. Die darin enthaltenen ergänzenden Vertragsbedingungen für IT-Dienstleistungen wurden so angepasst, dass Beschaffer Open-Source- Software künftig rechtssicher beziehen können. Bislang waren diese Vertragsvorlagen ausschliesslich auf proprietäre Software ausgelegt. In der Schweiz sind die konzeptionelle Arbeit und die OSS-Hilfsmittel der Bundeskanzlei hervorzuheben, sowie ihr Projekt BOSS mit digital souveräner Arbeitsplatz- Software. Davon abgesehen besteht bei den Initiativen in der Schweiz noch Potenzial. Darum gründen wir gerade das Zentrum SDS – Souveräne Digitale Schweiz und wollen Unterstützung bieten. Es besteht dazu bereits ein Letter of Intent zur Zusammenarbeit mit dem ZenDiS, welches eine Schweizer Anlaufstelle sehr begrüsst, da es bereits viele Anfragen aus der Schweiz erhält.
«Die Markterschliessung von digital souveränen Alternativen muss gefördert werden. Das führt zu Wettbewerb an Orten, wo mittlerweile fast keiner mehr ist, und sorgt dafür, dass Preise nicht ins Unermessliche steigen und involvierte Anbieter innovativ bleiben.»– Pascal Stöckli
Aktuell dreht sich die Diskussion um die Abhängigkeit von den USA. Wie sinnvoll ist es, bei Cloud- oder Softwarelösungen auf europäische Anbieter zu setzen? Politische Bedingungen können sich schnell ändern, und vielleicht ist es riskant, sich zu sehr auf europäische Partner zu verlassen. Vor einigen Jahren etwa wollte Peer Steinbrück die Kavallerie losschicken, um die Schweiz stärker in die Bekämpfung von Steuerhinterziehung einzubeziehen. Letztlich kann man sich doch auf kein Land vollkommen verlassen.
Was den Rechtsbereich und damit die jurisdiktionelle Souveränität betrifft, empfehlen wir, digitale Souveränität europäisch zu denken. Der europäische Markt hat die Grösse für skalierbare Lösungen und bietet viele etablierte Anbieter, die nicht extraterritorialen Rechtszugriffen unterliegen. Digitale Souveränität sollte aber nicht nur territorial gedacht werden. Diejenigen, die Vendor-Lock-in vermeiden möchten und damit technologische Souveränität anstreben, erreichen damit mehr Handlungsspielraum bei unternehmensspezifischen und geografischen Ereignissen. Für den Betrieb und die Weiterentwicklung ihrer offenen herstellerunabhängigen Software und Cloud Stacks können sie jederzeit andere Dienstleister beauftragen, ohne Migration und ohne den täglichen Betrieb zu gefährden.
Wenn es konkret wird, fällt das Bild ernüchternd aus: Immer mehr Behörden setzen auf Microsoft 365. Warum erkennen so viele das Risiko und halten dennoch am Status quo fest?
Es fehlten etablierte digital souveräne Suiten wie beispielsweise die Open-Source-Arbeitsplatzsoftware openDesk des deutschen ZenDiS. Diese wiederum wurden erst möglich und gefördert, als die ersten öffentlichen Organisationen solche beschaffen wollten. Entweder, weil sie sich keine extraterritorialen Rechtszugriffe leisten können, oder aus Überlegungen zu Kosten, Abhängigkeiten und Innovationspotenzial.
openDesk ist seit November 2025 für Schweizer Verwaltungen erhältlich. Wie ist das Interesse?
Das Interesse ist gross. Ich muss aber relativieren: Die meisten grösseren Behörden und Institutionen beschaffen das nicht über Nacht. Sie starten mit einem Proof of Concept und entscheiden dann über die Beschaffung. Diesen bieten mittlerweile mehrere Schweizer Firmen an. Sobald wir sie dabei mit einem finanzierten Zentrum SDS unterstützen können, werden wir solche Zahlen erheben und kommunizieren.
Welche Rolle spielt das SDS-Netzwerk bei der Einführung von Open Source im Allgemeinen und von openDesk im Speziellen?
Das Netzwerk SDS bietet eine Anlaufstelle für Ideen und einen Runden Tisch für Organisationen aus allen Bereichen, damit diese digitale Souveränität diskutieren und Projekte andenken können. Für die Finanzierung und Durchführung der Projekte, die Koordination rund um Open-Source-Lösungen und die Unterstützung von Beschaffern wird ein finanziertes Open Source Program Office (OSPO) benötigt. Dazu gründen wir nun das Zentrum SDS, welches initial vier Workstreams vorantreibt: Finanzierung und Beschaffung von Open Source, openDesk und Umsysteme, Open Cloud Stack sowie Open Source AI. Das Zentrum SDS übernimmt dabei initial die Koordination der Mitwirkenden, die Vermittlung zwischen föderalen Ebenen und europäischen Initiativen sowie Auftragsarbeiten.
Wo liegen heute die grössten Hürden bei der Einführung von Open Source im öffentlichen Sektor? Gibt es typische Fehler, die Organisationen bei der Umstellung machen?
Ein typischer Fehler ist die fehlende oder zu tiefe Einplanung von langfristigen Finanzierungen für Unterhalt, Support und Weiterentwicklungen.
Das Argument gegen Open-Source-Lösungen wie openDesk ist, dass die Ablösung teuer und mit grossen Risiken verbunden ist. Aber irgendwann sind die Investitionskosten amortisiert. Können Sie vorrechnen, ab wann sich openDesk finanziell lohnt?
Das ist ein Argument bei jedem Softwareprojekt. openDesk unterscheidet sich nicht davon. Letztendlich muss eine Kosten-Nutzen-Rechnung gemacht werden inklusive Amortisation der Investitionskosten durch Einsparung von Lizenzkosten sowie einkalkuliertem Risiko von künftig erhöhten Lizenzkosten durch Abhängigkeiten von Monopolpreisen. Ausserdem gehen häufig positive Faktoren vergessen wie Kollaborations- und Innovationsmöglichkeiten dank offener Software und Standards. Es könnten beispielsweise dutzende Services von anderen Behörden übernommen oder gemeinsam beschafft und weiterentwickelt werden. Dies bietet enormes Potenzial.
Die Weiterentwicklung könnte aber auch gegen Open Source sprechen: Maintenance, Weiterentwicklung und Sicherheit sind bei SaaS-Modellen in den Lizenzgebühren enthalten, bei OS-Lösungen ist man selber dafür verantwortlich. Wie kann man diese Szenarien sinnvoll kalkulieren?
Hier kann beim Angebotsdesign angesetzt werden: Anstelle der Lizenzgebühren können beispielsweise Subscriptions angeboten werden, welche die genannten Tätigkeiten finanzieren. So sind Beschaffer herstellerunabhängig, aber profitieren dennoch von den anfallenden Leistungen und vergüten sie. Wir werden mit dem Zentrum SDS Serviceangebote vorantreiben, die Beschaffern die Wahl zwischen On-Premises-Lösungen und dem Bezug souveräner SaaS- und Cloud- Services ermöglichen.
«Öffentliche Verwaltungen oder Organisationen mit öffentlicher Trägerschaft, die mit sensitiven Daten arbeiten, gehören oft zu den ersten, die handeln. Von ihnen erhalten wir viele Anfragen nach Open-Source-Alternativen.»– Pascal Stöckli
Zum Schluss: Nutzen Sie privat M365 oder openDesk?
Beides. Ich möchte selbst ausprobieren, welche Umstellung den Interessenten bevorsteht. Eine tolle Erkenntnis dabei: openDesk erlaubt mir die Kombination mit digital souveräner KI, somit kann ich darin mit sensitiven Daten effizienter arbeiten als in M365.
ti&m Special «Digitale Souveränität»