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Während generative KI seit 2022 die Schlagzeilen dominiert, bleibt offen, wie weit Unternehmen in der Schweiz diese Technologie tatsächlich verankert haben. Genau hier setzt die AI Maturity Study von ti&m und der HSLU an. Ziel ist eine faktenbasierte Standortbestimmung, die über den öffentlichen Diskurs zwischen Euphorie und Angst hinausgeht. Denn während in der Gesellschaft oft über Risiken debattiert wird – von Jobverlust bis Demokratiegefährdung –, zeigen ökonomische Analysen, dass KI für die Schweiz ein enormes Produktivitäts- und Wohlstandspotenzial birgt.

Vier Dimensionen der KI-Reife

Die AI Maturity Study bewertet Organisationen entlang von vier miteinander verknüpften Dimensionen:

1. KI-Strategie
Wie klar ist KI Teil der Unternehmensstrategie, und gibt es eine übergeordnete Vision für ihren Einsatz?

2. KI-Governance und Rollen
Wie werden Verantwortlichkeiten, Leitplanken und Entscheidungsprozesse definiert, um einen sicheren, regelkonformen Umgang mit KI zu gewährleisten?

3. KI-Einsatz und Prozesse
Wie weit sind KI-Lösungen produktiv in Abläufe, Produkte und Entscheidungsfindung integriert, und wird ihr Nutzen messbar gemacht?

4. KI-Kompetenzen und Kultur
Welche Fähigkeiten, Lernformate und Werte prägen den Umgang mit KI und fördern eine innovationsfreundliche Haltung? Diese Struktur kombiniert methodische Strenge mit Praxisnähe: Sie basiert auf internationalen Frameworks, wie sie auch von EY, BCG oder Gartner genutzt werden, und ist zugleich auf die spezifischen Bedingungen der Schweizer Wirtschaft zugeschnitten, von Datenschutz und Regulierung bis zum Fachkräftemangel und zur starken KMU-Basis.

Erste Erkenntnisse aus der Datenerhebung

Noch läuft die Studie, doch erste Auswertungen zeigen ein einheitliches Bild: Viele Unternehmen erkennen die strategische Bedeutung von KI, doch nur wenige verfügen über die Strukturen, um sie systematisch einzusetzen:

  • Rund ein Drittel der Befragten hat eine explizite KI-Strategie formuliert. 
  • Bei der Hälfte fehlen formelle Governance-Regeln und Rollen. 
  • Weniger als 30 Prozent haben KI-Lösungen im produktiven Einsatz.

Viele Organisationen beschränken sich auf Pilotprojekte, etwa bei Dokumenten- oder Prozessautomatisierung, und schöpfen das Potenzial bislang nicht aus.

«KI-Reife entsteht nicht durch Technologie allein, sondern durch Menschen, die sie verstehen, gestalten und verantwortungsvoll einsetzen.»

– Prof. Dr. Kurt Mäder, HSLU

Branchenvergleich: Fortschritte mit Vorbehalt

Die Unterschiede zwischen den Branchen sind deutlich:

Finanzdienstleister gehören zu den technologischen Vorreitern, nutzen KI jedoch überwiegend in spezifischen, stark regulierten Prozessen wie Risikoanalyse, Betrugserkennung oder Kundenkommunikation. Viele Projekte sind noch in der Validierung; die Skalierung scheitert oft an Daten- und Compliance-Hürden.

Industrieunternehmen setzen KI gezielt in Produktion, Logistik und Qualitätssicherung zur Effizienzsteigerung ein und erreichen dadurch eine schnellere Wertschöpfung.

Öffentliche Verwaltung und Gesundheitswesen holen auf, kämpfen aber mit heterogenen Datenquellen und Fachkräftemangel.

Im internationalen Vergleich (BCG 2024, ETH/Swissmem 2024) liegt die Schweiz im oberen Mittelfeld: technologisch stark, strategisch ambitioniert – aber mit Nachholbedarf bei Governance, Datenmanagement und Kultur.

Governance, Daten und Chancenperspektive

Ein zentrales Ergebnis der bisherigen Erhebung: Unternehmen, die klare Verantwortlichkeiten und Datenstandards definieren, erzielen rascher messbare Fortschritte. Ohne strukturierte Governance und konsistente Datenbasis bleibt KI meist auf die Versuchsstufe beschränkt. Besonders in regulierten Branchen entscheidet die Fähigkeit, Daten sicher und nachvollziehbar zu nutzen, über den Erfolg.

Zugleich wird deutlich: Die Diskussion um Risiken darf nicht den Blick auf die Chancen verstellen. KI ersetzt keine Arbeitskräfte im physischen Sinn – sie entlastet von Routineaufgaben, ohne Wohnfläche, Ressourcen oder Arbeitsplätze zu beanspruchen. In einem Arbeitsmarkt, der aufgrund des demografischen Wandels in vielen Branchen wie Gesundheit, Bildung, Industrie oder ICT unter akuter Knappheit leidet, kann KI helfen, Engpässe zu mildern und Ressourcen gezielter einzusetzen. Sie ist damit eher Teil der Lösung als des Problems.

Kompetenzen und Kultur als Katalysator

Technologie ist nur der Anfang, die entscheidende Rolle spielt der Mensch. Schulung, Orientierung und Vertrauen werden laut internationalen Studien zu Schlüsselfaktoren erfolgreicher KI-Adaption. Die AI Maturity Study untersucht deshalb, wie Unternehmen Lernformate, Experimentierfreude und ethische Reflexion fördern. Organisationen mit offener Lernkultur und klarer Kommunikation setzen KI schneller, breiter und nachhaltiger ein.

Ausblick: Ergebnisse Anfang 2026

Die AI Maturity Study lief bis Anfang 2026 und wird auf der Homepage von ti&m publiziert. Die Resultate werden zeigen, wie weit Schweizer Unternehmen auf dem Weg zur systematischen, verantwortungsvollen KI-Nutzung sind – und welche Hebel sie künftig betätigen müssen, um von Pilotprojekten zu nachhaltiger Wertschöpfung zu gelangen. Die Schweiz steht dabei vor einer seltenen Chance: KI kann Produktivität, Wohlstand und Lebensqualität erhöhen, vorausgesetzt, sie wird mit Mut, Struktur und gesellschaftlichem Vertrauen eingesetzt. Angst ist kein Ratgeber – aber Strategie ist einer.


Erwähnte und weiterführende Studien

EY European AI Barometer (2025) zeigt, wie europäische Unternehmen KI strategisch nutzen und wo die Schweiz im Vergleich steht.
ETH Zürich / Swissmem (2024) analysiert den KI-Einsatz in der Schweizer Industrie und identifiziert Erfolgsfaktoren für Produktivität und Innovation.
BCG AI Maturity Matrix (2024) ordnet Länder weltweit nach ihrer KI-Readiness und betont Daten und Talenten.

Mehr unter: ey.com, swissmem.ch und bcg.com

AI Maturity Study 2026

Wie weit sind Schweizer Unternehmen bei KI?

Über 200 Unternehmen, mehr als 15 Branchen und 26 Fragen: Die AI Maturity Study 2026 macht sichtbar, wie Schweizer Organisationen KI einsetzen, wo die Wirkung am grössten ist und was noch nicht funktioniert.

ti&m Special «KI und Open Source»

Warum KI und Open Source zusammengehören

Wie Open Source Organisationen langfristig Kontrolle über Technologie und Daten verschafft und gleichzeitig digitale Souveränität und Sicherheit in der KI-Nutzung stärkt.