28. Februar 2020

«Die KI ist das Kunstwerk, das Bild nur ihre visuelle Repräsentation»

Stefan Tschumi, Künstler von art@work 2020

Stefan Tschumi ist der Künstler für art@work in diesem Jahr. In seiner Kunst ist er breit aufgestellt und hat auch schon mit AI Kunst angefertigt. Was er dieses Jahr für art@work so alles machen möchte, verrät er im Interview.

Stefan. Du bist ursprünglich Lehrer. Was genau hast du unterrichtet?

Stefan Tschumi: Ich bin ausgebildete Lehrkraft für «Künstlerisches Gestalten». Diesen Job mache ich also auch noch, wenn ich Mal Geld brauche (lacht). Bei Vakanzen kann man ab und zu ein halbes Jahr ein paar Stunden in der Woche unterrichten. Damit komm ich im Notfall über die Runden.

 

Was kam zuerst, Lehrer oder Kunst?

Lehrer. Die Ausbildung und mein Bachelor in Art Education an der ZHDK war sehr künstlerisch ausgerichtet. Jedes Semester haben wir mit anderen neuen Medien Kunst realisiert. Daneben gab es dann noch Fachdidaktik und Pädagogik, um die nötigen Tools für das Unterrichten zu lernen. Eigentlich ging es für mich im Studium darum, mir eine eigene Kunstpraxis anzueignen. Meinen Master habe ich in Fine Arts an der HSLU gemacht. 

 

Dann hast Du Dich entschieden, voll in die Kunst zu gehen?

So eindeutig kann man die Grenzen nicht ziehen. Mein künstlerisches Schaffen ist generell sehr breit gefächert, denn ich mache auch Fotografie. Dazu kommen Filmprojekte und als Hobby mache ich Musik. Für mich ist der Künstler heutzutage nicht mehr eine Person, die nur ein Medium und eine Praxis hat. Ich bin eher transdisziplinär unterwegs. In meiner Kunst spielen die Themen und Fragenstellungen die Hauptrolle, nicht das Medium an sich. Je nach Fragestellung entscheide ich mich dann für ein Medium oder Vorgehen.

 

Wie stehst Du zum Malen?

Malen finde ich sehr herausfordernd. Möglicherweise werde ich auch einmal malen, ich mag den therapeutischen entspannenden Effekt, der die Malerei auf mich hat. Jedoch finde ich es momentan schwierig, mit abstrakter Malerei eine prägnante Fragestellung zu bearbeiten. Darum liegen mir Installationen und digitale Kunst aktuell mehr. 

 

Was war bisher Dein grösstes und auch herausforderndste Projekt?

Als Fotograf konnte ich für Mazda Switzerland eine internationale Kampagne machen. Dies ging über ein halbes Jahr, durch die gesamte Schweiz. Ich musste Routen fotografieren, Models inszenieren, mit Agenturen kommunizieren und Ideen umsetzen.

Mazda Werbung

 

Finanziell, vom Arbeitsaufwand und zeitlich, war es bisher mein grösstes Projekt. In der Kunst war es die Arbeit: «Digital Appropriation Mantra», welche ich im Kunsthaus Aarau ausgestellt habe. 

Digital Appropriation Mantra

 

Kannst Du es kurz beschreiben?

Das Kunstwerkt ist eine postfotografische Visualisierung von künstlicher Intelligenz, die mit einem Bildinhalt intelligent erweitert wird. Die KI erweitert das Bild selbstständig, spiegelt Elemente, verändert Kontraste und schafft so eine riesige Landschaft, quasi eine neue Wirklichkeit. Wenn man ganz nah heran geht, dann kann man die Ursprungsformen erkennen. Von weitem erkennt man nur noch Strukturen, die sich wiederholen. An den Bildern kann man in gewisser Weise den spezifischen «Charakter» der benutzten KI erkennen. Auch politische Themen wie Urbanisierung, Zersiedelung oder Digitalisierung wollte ich damit ansprechen. 

 

Es sieht sehr cool aus. Hast Du die KI selber geschrieben?

Das ganz rudimentäre Machine Learning, auf welches diese KI basiert, ist nicht so kompliziert. Dieses Projekt ist jedoch auf einem ganz anderen Level, ich musste mir deswegen Hilfe holen. Ich habe bereits bestehende Bildalgorithmen genommen und diese etwas modifiziert. Die KI spiegelt etwa Elemente, verändert Kontraste oder führt andere Veränderungen vor. Spannend ist, dass jedes Mal etwas anderes herauskommt. Jedes Bild ist ein Unikat. Daher ist die KI das Kunstwerk und das Bild nur ihre visuelle Repräsentation.

 

Kannst Du von Deiner Kunst alleine leben?

Nein, «noch» nicht. Für mich ist die Fotografie immer noch eine wichtige Geldquelle. Sie ist aber für mich weniger Kunst, sondern mehr Gestaltung. Denn die Ideen kommen nicht von mir alleine, sondern sind oft vom Kunden bestimmt. Der Inhalt ist in dem Sinne eher eine Zusammenarbeit mit den Marketingagenturen, auch wenn ich das Framing mache. Ich sehe die Autorschaft als nicht vollends bei mir, in der Kunst hingegen schon.

 

Was magst Du mehr, Fotografie oder Kunst?

Aktuell bin ich eher auf der künstlerischen Schiene. Ich habe mehr Freude daran, neue Realitäten zu schaffen, als Realitäten zu reproduzieren. Darum gehe ich jetzt stärker in Richtung Kunst und lasse die Fotografie etwas auf kleiner Flamme köcheln.

 

Wie bist Du auf ti&m und art@work gekommen?

Das Digital Appropriation Mantra im Kunsthaus Aarau hat die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Daraufhin wurde ich von Euch angefragt, ob ich mich nicht doch bewerben möchte. Und schliesslich konnte ich mich sogar durchsetzen. Da fühle ich mich natürlich sehr geehrt.

 

Hast Du schon ein paar Ideen, was Du für art@work machen willst?

Ich habe mir schon ein paar Gedanken gemacht. In den nächsten Wochen werde ich diese den Mitarbeitenden von ti&m vorstellen und mit deren Input weiterentwickeln. Eine Idee ist, die Digital Appropriation Mantras auf Luftaufnahmen der vier Standorte von ti&m anzuwenden. Unter dem Stichwort AI Swissness könnte ich mir auch vorstellen, Berglandschaften auf diese Weise zu schaffen. Ein paar erste Studien habe ich dazu schon gemacht:

Ideen für art@work 2020

 

Dann habe ich mir auch überlegt, VR-Skulpturen zu entwickeln, die ich dann in den Raum stellen kann. Besonders spannend wäre es, wenn sie sich auch noch bewegen würden. Dies ist technisch jedoch relativ aufwändig. Noch bin ich am Entwickeln der Idee und ich würde auch gerne irgendetwas zum Thema Surfing beisteuern, da es so gut zu ti&m passt. 

 

Planst Du auch was in der Richtung Skulptur?

Ich würde ti&m gerne in ein längerfristig angelegtes Projekt von mir einbinden, das ich «VALUE SCULPTURES - ACT 1-4» nenne. Die Arbeit hat die Prämisse: Wert ist eine Abmachung zwischen Entitäten (Maschinen oder Lebewesen) und somit nicht real. Dazu würde ich einen Rechner zum Cryptominen in einen sonst leeren Raum stellen. Der Rechner würde durch seine «Arbeit», das Minen von Crypto-Währungen, die Kosten für seinen Strom im Raum selber erarbeiten. Je nachdem würde dann die Intensität des Lichts auch schwanken. Ein Crypto-Rechner, der mikroökonomisch eine Beziehung mit dem Saallicht eingeht. Der treibende Faktor in der Serie ist die Realisation von Wert. Die monetäre Produktivität des Crypto-Rechners formt eine Skulptur, die Wert reflektiert und dessen konstruktiven Charakter zum Vorschein bringt und dem Rechner einen neuen Körper gibt und sich in der zeitlichen Dimension verändert oder zuspitzt. Die Skulptur ist in diesem Fall quasi was sie kauft. Das heisst, sie materialisiert in jedem Akt des Projekts auf eine andere Art und Weise das von ihr produzierte Crypto-Geld in unsere Wirklichkeit und hinterfragt diese.

 

Und wie würde es dann weitergehen?

In drei weiteren Akten würde ich das Projekt dann weiterentwickeln wollen. Dann würden zum Beispiel Künstler aus dem Gewinn des Minings weitere Value Sculptures bauen. Die Maschine könnte auch das Futter für Tiere kaufen, die dann von ihr abhängig wären, was eher kontrovers ist. Am Ende plane ich mit dem Geld des Minings, Likes für einen Instagram-Account des Rechners zu kaufen, um Social Media kritisch zu hinterfragen. Der Crypto-Rechner kauft automatisiert mit einem Tradingbot mit dem von ihm produzierten virtuellen Crypto-Geld Likes und Followers für seinen für diese Gelegenheit kreierten Instagram Account. Insgesamt will ich mit dem Projekt auf verschiedene soziale und politische Themen aufmerksam machen. Viel mehr ins Detail möchte ich an dieser Stelle nicht gehen.

 

Noch weitere Themen, die Dich interessieren?

Ich hatte mir auch noch überlegt, eine Art Sonnenuhr zu installieren. An einem Roboterarm wäre eine Lampe und der Arm würde dann diese wie die Sonne um die Uhr herumbewegen, damit man immer die Zeit ablesen kann. Erweitern könnte man dies dann durch verschiedene Zeitzonen, etwa um die Uhrzeit in Singapur per Knopfdruck anzeigen zu lassen. Aktuell habe ich eher noch zu viele Ideen, ich muss mich wohl noch etwas vertiefen und auch mit ti&m schauen, was Sinn macht.

 

Dann wünsch ich Dir noch viel Spass bei Deinem Schaffen und ich freue mich auf den Austausch.

Vielen Dank, ich auch.


Christoph Grau
Christoph Grau

Christoph Grau ist seit September 2018 bei ti&m tätig und verantwortet die Medienarbeit. Davor arbeitete er mehr als vier Jahre als Redaktor und später als stellvertretender Chefredaktor bei einem grossen Schweizer IT-Fachmagazin. Er studierte Chinawissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin.

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