11. Mai 2020

Beschleunigt die Corona-Krise die Digitalisierung der Schweizer Banken?

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Die Corona-Krise wird auch langfristige Auswirkungen auf die Schweizer Retailbanken haben. Es gilt sich jetzt auf die massiven Veränderungen vorzubereiten. In einer Beitragsserie schauen wir uns Szenarien für den Finanzplatz Schweiz näher an.

Das Corona-Virus hat massive Auswirkungen auf unseren Alltag. Die volkswirtschaftlichen Implikationen werden immens sein. Immerhin sind sowohl der Binnenmarkt als auch für die Schweiz zentrale Exportmärkte von der Krise massiv betroffen - soweit das heute überhaupt schon absehbar ist. Doch was sind die Wirkungen auf die Schweizer Retailbanken? Müssen wir uns Sorgen um unsere Banken machen? 

Die Wirkung von Corona auf unsere Banken sind sehr vielfältig und werden nachhaltig sein. Banking in der Schweiz wird nach Corona daher ein anderes sein. 

Die Auswirkungen auf die Bankenwelt lassen sich dabei grundsätzlich in zwei Kategorien unterteilen:

  1. Die Corona-Krise löst eine mehr oder weniger heftige Rezession aus, was sich selbstverständlich auch auf den Geschäftserfolg von Banken auswirken wird. 
  2. Die Corona-Krise wirkt als Katalysator, indem bestehende Tendenzen und Veränderungsprozesse verstärkt und beschleunigt werden. Dies betrifft vor allem den Stand der Digitalisierung der Banken. 


1. Die Corona-Krise löst eine Rezession aus

Die Schweizer Volkswirtschaft wird eine Rezession durchlaufen. Wie lange und wie heftig diese ausfallen wird, ist im Moment unklar. Die Auswirkungen auf das Schweizer Banking werden aber spürbar sein.

  • Immobilienmarkt: Die Retailbanken hängen spätestens seit der Finanzkrise fast vollständig am Tropf des Immobilienmarktes, zwischen 60 und 80 Prozent der Erträge kommen aus dem Hypothekarbereich. Nach einer langen Boomphase wird das Wachstum des Immobilienmarktes vielerorts vollständig zum Erliegen kommen. Je nach Ausmass der volkswirtschaftlichen Verwerfungen und der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit sind sogar regionale Immobilienkrisen möglich. Zwar sind die allermeisten Kredite genügend abgesichert und die Ausfälle werden somit überschaubar bleiben – zumal Hypothekarnehmer alles tun werden, um den Kredit zu bedienen. Aber die Banken werden die sinkenden Margen nicht mehr mit steigenden Volumina (über-)kompensieren können. Ertragsprobleme werden sichtbar, die Cost Income-Ratio wird ansteigen. Folge: ein nochmals erhöhter Kostendruck. 
  • Liquidität: Für Banken könnte es ein Problem werden, dass die Rückzahlung der Corona-Kredite hinausgeschoben werden kann und dass Firmen selbst Liquidität benötigen, was sich auf die Sparquote auswirken könnte. Einzelne Banken können in Liquiditätsprobleme geraten, zumal der Repo-Markt als Refinanzierungsquelle stottert.
  • KMU: Viele KMU werden in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Viele werden ihre bestehenden Verpflichtungen ihrer Bank gegenüber nicht mehr bedienen können. Hier wird entscheidend sein, inwiefern der Bund den KMU unter die Arme greift – nicht nur mit weiteren Krediten, sondern mit A-fonds-perdu-Zahlungen.
  • Neobanken: Aufgrund ihrer überlegenen digitalen Services müssten die Neo-Banken als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Eigentlich. Ironischerweise wird aber ihr Geschäftsmodell ausgerechnet jetzt einem Stresstest unterzogen. Ihr Problem: Banken wie Revolut, N26 oder Neon sind ertragsmässig sehr schmalbrüstig aufgestellt. Ihre einzige Ertragsquelle sind Kommissionen aus Kreditkartentransaktionen. Deren Anzahl hat aber markant abgenommen. Gründe dafür sind die eingeschränkte Mobilität, die geringere Reisetätigkeit und verminderte Konsumausgaben im Zusammenhang mit den Corona-Schutzmassnahmen. 

2. Die Corona-Krise beschleunigt Veränderungsprozesse
Die Schutzmassnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus berauben die Retailbanken ihres vermeintlich wichtigsten Assets – dem persönlichen Kontakt zwischen Bank und Kunde. Corona wird aber auch weitere Anpassungen im Banking nach sich ziehen.

  • Sicherheitskonzepte in Bankfilialen: Banken werden persönliche Meetings in Zukunft vermutlich virensicher machen müssen; dies wird den Kontakt zwischen Bank und Kunde natürlich beeinflussen. Hoffentlich werden diese Vorkehrungen nur vorübergehend sein. Aber entsprechende Konzepte müssen in Zukunft bereit liegen.
  • Digitale Services vs. Nutzung der Filiale: Viele Banken haben das Filialnetz während der Krise ausgedünnt oder die Öffnungszeiten reduziert. Und was geschieht? Nichts. Beratungen werden am Telefon oder per Video-Call durchgeführt. Die digitalen Onboarding-Lösungen boomen. Das kontaktlose Bezahlen hat um 1/3 zugenommen. Online Banking wird sowieso schon intensiv genutzt und erfährt einen weiteren Boom. Diese Erfahrungen zeigen, dass die Banken bisher an Filialkonzepten festgehalten haben und dass die Kunden kein Problem haben, ihre Dienstleistungen über andere Kanäle zu beziehen – wenn das Angebot überhaupt vorhanden ist. Die Kunden wollen ja grundsätzlich digitale Services, wie Kundenbefragungen immer wieder zeigen (bspw. die ti&m-Trendstudie Banken). Dies gilt vor allem für jüngere Kunden. Über Omnichannel und Smartphone Banking wurde zwar viel geredet, umgesetzt wurden solche Konzepte aber noch praktisch nirgends. 
  • Home-Office: Und es geht doch! Diese Erfahrung machen gegenwärtig viele traditionelle Unternehmen, zu denen auch Banken gehören. Plötzlich sieht man, dass Arbeitnehmer auch dann arbeiten, wenn der Vorgesetzte nicht im Nacken sitzt, mitunter sind Meetings sogar effizienter und Mitarbeiter motivierter. Es wird spannend sein, die Wirkungen auf die Kultur einer Bank zu beobachten. 

 

Die Corona-Krise wirkt als Katalysator für bestehende Probleme

Die Zusammenstellung zeigt, dass die Corona-Krise die ohnehin schon bestehenden Fragestellungen im Banking nicht grundsätzlich verändert. Sie akzentuiert diese jedoch. Denn vor allem die Retailbanken in der Schweiz sind durch den boomenden Immobilienmarkt und das damit verbundene Volumenwachstum im Hypothekarbereich von jährlich 4-5 Prozent pro Jahr träge geworden und haben grösstenteils ungenügend auf die neuen Herausforderungen reagiert. Die Corona-Krise läutet nun das Ende der Schonzeit ein. 

Die Veränderungsgeschwindigkeit im Schweizer Banking wird durch die Corona-Krise markant zunehmen. Die Krise macht die Defizite in der Digitalisierung und den Change-Bedarf sichtbar. Dies muss auf strategischer Ebene reflektiert werden. Die schwierige Aufgabe ist es, die Learnings aus der Krise als Chance zu begreifen und den Transformationsprozess zu beschleunigen.

In einer losen Artikelreihe werden wir die oben beschriebenen Themen aufgreifen und die technologischen und ökonomischen Folgen beleuchten – immer mit dem Fokus «Digitalisierung».


Stefan Rüesch
Stefan Rüesch

Stefan Rüesch digitalisiert seit über 17 Jahren
verschiedene Geschäftsfelder als Manager und
Strategieberater bei Banken und Internetcompanies.
Bei ti&m verantwortet er den Bereich Digital Banking.