09. April 2020

In der Mitte wird es eng – Wie AI die Arbeitswelt und damit unser Leben verändern wird

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Die Potenziale der AI-Technologie sind gross, werden aber häufig überschätzt. Zeit, um einen kritischen Blick auf die Möglichkeiten und Auswirkungen auf die Gesellschaft zu werfen.

Künstliche Intelligenz und ihre Anwendung in der Praxis sind angesagte Themen, speziell in Technologieunternehmen und technologiegetriebenen Branchen – seien es Banken, Versicherungen oder Transportunternehmen. Meist stehen dabei die Möglichkeiten, die der Einsatz von AI für das Geschäft bedeutet, im Vordergrund. Das Potenzial ist immens, auch wenn vieles heute noch im Experimentierstadium steckt und nicht industrietauglich ist. Trotzdem wird das Mass der Umwälzung durch AI häufig unterschätzt. Ein genauer Blick auf diese Veränderungen ist jedoch wichtig, da gerade im Bereich AI diejenigen, die von den neuen Einsatzmöglichkeiten träumen, durch diesen Einsatz massiv betroffen sein können.


Das wird an aktuellen Beispielen zu AI-Anwendungsbereichen deutlich:

Texterkennung und -verarbeitung: Systeme für die automatische Auswertung von Dokumenten, z. B. für das Underwriting, die Auswertung von Revisionsberichten oder Fondsprospekten, das Erkennen von Kundenanliegen und das Erstellen von adäquaten Antworten auf Anfragen aller Art 
Zuordnung und Verarbeitung von Material-, Personen- und Zahlungsströmen: Vollautomatisierte Buchhaltung, Warenwirt­schaftssysteme und Lieferantenmanagement 
Ausführung und Optimierung von Arbeitsabläufen: Schadenprozesse in der Versicherung, Steuerung von Arbeitern in der Industriefertigung, Montage oder in Handwerksbetrieben 
Bilderkennung/Mustererkennung: vollautomatisches Onboarding von Kunden
Vollautomatisch: Schadenbeurteilung, Qualitäts­sicherungsprozesse, Inspektionen
Kommunikation und Interaktion: Expertensysteme, Chatbots, digitale Assistenten
Intelligente und situative Steuerung von Sensor­systemen: Selbstfahrende Autos, predictive main­­tenance, smart home

Ein breiter Einsatz von AI bedeutet massiv veränderte Arbeitsabläufe und einen grossen Rationalisierungsschub, und in der Folge ganz neue Anforderungen an die Menschen im Arbeitsprozess. Daher wird viel weniger Mitarbeit von Menschen benötigt und diese Arbeit wird eine neue Qualität haben. Hieraus können sich gesellschaftliche Probleme ergeben, wenn diese Veränderungen für die Menschen nicht parallel zum Umbau der Arbeitswelt angegangen werden. 
 

«Auch empathisch orientierte Jobs, bei denen es auf Interaktion mit Menschen, soziale Kompetenz und Einfühlungsvermögen ankommt, werden eine grössere Bedeutung haben als heute.»

AI bedroht nicht nur geringqualifizierte Arbeitsplätze

Die Bedrohung durch AI-Systeme wird gesehen – erscheint aber eher abstrakt. Was die meisten von uns nicht erkennen, ist, wie stark die Rationalisierung durch AI ihr eigenes Arbeitsumfeld und damit sie persönlich treffen kann. Bei früheren industriellen Umwälzungen wurde stets die Fertigung von Waren weiter mechanisiert und automatisiert. Dadurch sind geringqualifizierte Jobs weggefallen und neue, höherqualifizierte sind entstanden. Das Bildungsniveau ist entsprechend mit gestiegen und mit der Qualifikation auch der Wohlstand der Menschen. Setzen sich intelligente, entscheidungsfähige Systeme in der Industrie durch, so werden gerade die qualifizierten Stellen durch Maschinen ersetzt. Ursache dafür ist, dass AI-Systeme zuerst das analytische, prozessuale Denken und Entscheiden nachbilden. Dagegen ist AI weniger gut geeignet, intuitiv und schnell auf plötzliche Veränderungen zu reagieren. Und auch das zielführende, kreative Agieren fällt solchen Systemen wesentlich schwerer als das Lösen algorithmischer Probleme und das Entscheiden und Handeln in einem gesetzten Rahmen. 

Dadurch verlagert sich zuerst die Arbeitswelt des typischen Sachbearbeiters in die Maschinen. Auch das Planen, Steuern und Optimieren von Arbeitsabläufen wird mehr und mehr von Maschinen übernommen. Buchhalter, Sachbearbeiter in Versicherungen, Mitarbeiter im Backoffice einer Bank wird es immer weniger geben. 

 

Kreative, situative und menschenbezogene Arbeiten werden beim Menschen bleiben  

Die Rationalisierung durch AI beginnt in der Mitte der Arbeitsprozesse und breitet sich von dort zu deren Rändern aus, die weniger schnell oder auch gar nicht von AI-Systemen übernommen werden können. Dazu gehören alle Arbeiten, bei denen neben reiner Analytik auch Intuition und kreatives Denken gefordert sind. Auch empathisch orientierte Jobs, bei denen es auf Interaktion mit Menschen, soziale Kompetenz und Einfühlungsvermögen ankommt, werden eine grössere Bedeutung haben als heute. Zu den Arbeiten, die AI-Systeme noch lange Zeit nicht selbständig übernehmen werden, gehört auch die Manipulation von Objekten, die situativ und individuell bearbeitet werden müssen. Konkret also zum Beispiel die Arbeit von Monteuren, Bauleuten oder Handwerkern. Es ist möglich, dass AI-Systeme hierbei mehr und mehr die Steuerung übernehmen, aber die Arbeiten selbst werden noch lange Zeit von Menschen ausgeführt werden.

Es ist wie so oft auch eine Frage des persönlichen Standpunktes, ob man angesichts der weiteren Verbreitung von AI-Systemen den Autonomieverlust gegenüber steuernden Maschinen als wachsende Bedrohung wahrnimmt, oder ob man eher das Verschwinden repetitiver Arbeiten zugunsten von mehr gestalterischer Freiheit und anspruchsvolleren Aufgaben begrüsst. Wenn kreatives Handeln oder die Interaktion zwischen Menschen immer mehr und das Eintippen von Zahlen in Computermasken immer weniger Bedeutung im Arbeitsleben haben – wer würde da den alten (heutigen) Zeiten nachtrauern.


Dr. Holger Rommel
Dr. Holger Rommel

Seit Januar 2019 ist Dr. Holger Rommel als Head Reseach and Digital Transformation bei ti&m tätig. Neben der Technologieberatung stehen auch die organisatorischen und strategischen Aspekte der digitalen Transformation im Fokus seiner Arbeit.