22. März 2019

«Verwaltungen müssen auch Gestalter sein»

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Bei öffentlichen Verwaltungen denkt man nicht zuerst an Innovationen. Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Zug. Im Interview berichtet Stadtschreiber Martin Würmli, wie Zug zum First Mover bei der E-ID wurde und warum auch Verwaltungen Innovationen vorantreiben müssen.

Wann ist bei Ihnen der Entschluss gefallen, eine E-ID mit Blockchain in der Verwaltung einzuführen?
Nicht wir als Stadt Zug hatten die Idee. Vielmehr kam 2017 das Institut für Finanzdienstleistungen in Zug (IFZ) gemeinsam mit der Blockchain-Firma Consensys und ti&m auf uns zu. Sie hatten ein Projekt gestartet, das die physische ID einer Person mit der Blockchain verknüpft. Für dieses Projekt suchten sie nach einer Gemeinde, die diese elektronische Identität anwendet. Uns überzeugte die Idee, denn sie passt sehr gut in die anderen Initiativen der Stadt im Bereich Blockchain und Kryptowährungen. Wir waren z. B. weltweit die erste Verwaltung, die eine Kryptowährung als Zahlungsmittel akzeptierte. Zudem sind wir Teil des «Crypto Valley» und Themen wie Blockchain sind uns nicht fremd.

Warum haben Sie sich nicht der Swiss-ID und SwissSign angeschlossen?
Die damals schon bestehende Swiss-ID überzeugte uns nicht. Einerseits finden wir es nicht gut, dass alle Daten zentral an einem Ort gespeichert werden. Es besteht die Gefahr, dass die Daten missbraucht oder gehackt werden, oder sogar verloren gehen. Wir finden, die Blockchain ist hier die bessere Lösung. Denn bei der Blockchain werden die Daten dezentral gespeichert und sie sind viel schwerer angreifbar. Mit unserem Projekt wollten wir auch einen Beitrag leisten, um zu zeigen, wie eine digitale Identität in der Schweiz in Zukunft aussehen könnte – als Alternative zur Swiss-ID.

Waren das die einzigen Gründe, warum Sie sich dagegen entschieden haben?
Immerhin sind die grossen halbstaatlichen Firmen Swisscom, Post und SBB dabei. Ich bin sehr skeptisch, dass private und halbstaatliche Organisationen zusammen eine ID herausgeben. Denn die elektronische Identität wird in der Zukunft dieselbe Bedeutung erlangen wie die physische ID oder der Pass. Wenn schon private Firmen die E-ID herausgeben, dann sollten sie nicht auch noch über die Daten verfügen. Obwohl Post und SBB beteuern, dass sie die Daten nicht gebrauchen, bekommen Sie heute schon Spezialangebote von diesen Firmen, wenn Sie die Swiss-ID lösen. Es geht hier um ein Geschäftsmodell. Wenn diese Firmen die E-ID schon herausgeben, dann sollten die Daten wenigstens bei den Konsumenten

«Sogar der Bürgermeister von Seoul zeigte Interesse an unserer Lösung.»

bleiben. Dies ist mit unserer Lösung gewährleistet. Sie können entscheiden, wann welche Daten herausgegeben werden und haben die Kontrolle, was mit Ihren Daten geschieht.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit ti&m und Consensys?
Im Projekt waren wir nur der Anwendungspartner. Mit dem technischen Aspekt, der Ausarbeitung des Tools, hatten wir nicht viel zu tun, das lag bei ti&m, IFZ und U-Port/Consensys. Wir fanden die Zusammenarbeit mit ti&m sehr gut. Wir würden es jederzeit wieder so machen.

Was sind Ihre nächsten Pläne?
Wir prüfen stetig neue Einsatzgebiete für die E-ID. Ein Pilotprojekt wird sein, dass Sie mit der digitalen Identität in der Stadtbibliothek Bücher ausleihen können. Der Bibliotheksausweis wird so hinfällig. Ein nächstes Projekt wird das Ausleihen von Elektrovelos sein. Das Schloss kann durch das Einscannen des QRCodes geöffnet werden und Sie können das Velo nach der Fahrt irgendwo im Stadtgebiet abstellen. Auch am Parkieren von Autos mit der E-ID arbeiten wir. Die Grundidee ist, dass in der Zukunft möglichst viel über die E-ID abgewickelt werden kann. Selbstverständlich wäre es auch schön, wenn externe Dritte unsere E-ID akzeptieren würden, was aktuell nicht der Fall ist. 

Was hat bei der E-ID gut geklappt und wo sehen Sie noch Optimierungspotenzial?
Nach dem Projekt bin ich überzeugt, dass Blockchain-basierte Identitäten die besseren Arten von digitalen Identitäten sind, gerade im Vergleich zur zentralen Lösung von Swiss-ID. Für uns stellt sich die Frage, wie wir uns als kleine Verwaltung positionieren. Wir können keine ID für die ganze Schweiz herausgeben. Wir stehen daher vor der Frage, ob wir auf Bundesebene mit dem Blockchain-Ansatz überzeugen können. Ehrlich gesagt, mache ich mir keine grossen Hoffnungen. Die Swiss-ID ist sehr weit fortgeschritten. Allenfalls besteht die Möglichkeit, dass wir in einem nächsten Schritt als Stadt Zug integriert werden können. Wir als Stadt Zug überlegen uns auch, ob wir uns als Identity-Provider nach dem neuen Bundesgesetz zertifizieren lassen wollen. Wir haben das Projekt jedoch primär gestartet, um die Diskussion anzustossen und Alternativen aufzuzeigen. Wir wollen nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger am Ende mehrere elektronische Identitäten haben.

Die E-ID hat in den Medien grosse Wellen geschlagen, nicht zuletzt im Ausland. Wie weit konnte die Stadt Zug davon profitieren?
Die E-ID muss im Kontext unserer Krypto-Aktivitäten gesehen werden. Auch die vielen Firmen, die sich im Krypto-Cluster angesiedelt haben, spielen eine Rolle. Auch andere Verwaltungen sind interessiert. Beispielsweise war der Bürgermeister der Millionenstadt Seoul gerade bei uns, um sich zu informieren. Ich registriere generell ein sehr grosses Interesse an unseren Aktivitäten. Wenn ich mich mit Behörden in anderen Ländern austausche, gerade in Deutschland, dann bewundert man unseren Mut zur Innovation.

Wie müssen Verwaltungen in einer zunehmend digitalen Welt aufgestellt sein? Ich sehe es als sehr wichtig an, dass wir als Verwaltung nicht einfach nur reagieren. Wir müssen Innovationen aktiv vorantreiben. Natürlich besteht das Risiko zu scheitern, aber das muss man eingehen. Verwaltungen müssen auch ein wenig wie Startups agieren. Gleichzeitig muss sich das Bild der Verwaltung wandeln, vom Verwalter hin zum Gestalter.

Wann wird die E-ID den physischen Pass ablösen?
Es wird sehr schnell gehen. Mit der E-ID können Sie in der digitalen Welt ohne Medienbrüche agieren. Es wird auch zunehmend von Bedeutung sein, zu wissen, wer in der digitalen Welt unterwegs ist. Daher glaube ich, dass die E-ID mindestens eine ähnliche Bedeutung haben wird, wie die physische ID.

 


Martin Würmli
Martin Würmli

Martin Würmli ist seit 2014 Stadtschreiber von Zug. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität St. Gallen war er während fünf Jahren als Rechtsanwalt tätig, bevor er zum Departementssekretär in das Gesundheits- und Sozialdepartement des Kantons Appenzell Innerrhoden gewählt wurde.