26. Juli 2019

Wind of Change

sbb wind of change

Die digitale Transformation der SBB und wie uns eine differenzierte Cloud-Strategie dabei unterstützt.

Die Welt verändert sich und wir uns mit ihr. So beschäftigt sich die SBB, wie die meisten Unternehmen, mit der digitalen Transformation. Als CIO der SBB ist es mir wichtig, diese Entwicklung nicht als einen Imperativ zu betrachten, der uns vorgibt, wie wir unser Unternehmen neu ausrichten müssen, um besser mit den viel­zitierten Unwägbarkeiten umzugehen. Zielführender ist es meines Er­achtens, die Chancen zu erkennen und zu nutzen. Denn nur so können wir die Entwicklung aktiv mitgestalten und sind nicht im reaktiven Modus permanenter Anpassung gefangen. 

Bei der SBB haben wir das «Phänomen» Digitalisierung im Jahr 2014 als solches erkannt. Dass es sich dabei nicht um einen Hype handelt, sondern um eine umfassende, tiefgreifende Veränderung mit riesigem Potential, war uns rasch klar. Wir benutzten intern oft das Bild von einer Welle, die sich vor uns auftürmt. Was tun? Abwarten, abtauchen, aufspringen? Weil wir uns damals dafür entschieden hatten, surfen zu lernen, um ganz oben auf der Welle zu reiten, haben wir heute den Kopf über Wasser und bestimmen mit, wohin die Reise geht.

 

Digitalisierung lässt sich nicht fragmentieren

Wir haben bei der SBB die digitale Transformation von Anfang an ganzheitlich gestaltet und in der Konzernstrategie adressiert. Das Potential sahen – und sehen wir noch heute – auf vier Ebenen: In der Verbesserung der Kundeninteraktionen, der Kapazitätssteigerung im Schienennetz, in der internen Effizienzsteigerung und in neuen Geschäftsmodellen. Um die Chancen gezielt zu nutzen, orchestrieren und steuern wir die konzernweite Digitalisierung zentral. Aktuell stehen wir kurz vor dem nächsten grossen Entwicklungsschritt in unserer digitalen Transformation. Nachdem wir während der letzten Jahre mit der agilen Transformation vor allem die kulturellen Themen angegangen sind und über die IT hinaus ein neues Selbstverständnis der Zusammenarbeit geprägt haben (agiles Mindset), ziehen wir nun auch organisatorisch nach: Wir entwickeln ein neues IT-Operating-Modell. Die handlungsleitende Frage ist vermeintlich einfach: Wie erbringen wir in Zukunft IT für die Bahn? Dabei geht es jedoch um nichts Geringeres, als die Zusammenarbeit aller an der Digitalisierung beteiligten Personen von Grund auf neu zu gestalten. Wir wollen uns weg bewegen von der kleinteiligen Projektsicht, hin zu einer Gesamtperspektive und gemeinsamer Wirkungsverantwortung gegenüber Kunden und Anwender. Denn: Digitalisierung lässt sich nicht fragmentieren.

 

Auf dem Weg zur adaptiven Organisation

Um mit der hohen Dynamik am Markt besser umzugehen und unsere digitalen Produkte schneller, flexibler und wertorientiert zu erbringen, richten wir unsere gesamte Wertschöpfungsstruktur konsequent am Markt aus. Das heisst, sie bildet sich von aussen nach innen und orientiert sich an der jeweiligen Arbeit, die gerade im Moment wichtig ist. Teams formieren sich entsprechend und lösen sich wieder auf. So prägt der Kunde respektive der Markt die Organisation. Gleichzeitig weicht intern die Betrachtung von kleinteiligen Projekten und den einzelnen IT-Anwendungen einer fachlichen, ökonomischen und technischen Gesamtbetrachtung.

 

Heiter bis wolkig: Die Rolle der Cloud 

Das Zusammenspiel innerhalb der neuen Organisation besteht im Wesentlichen darin, dass die Produktteams von den Serviceteams bedarfsorientiert unterstützt werden. Das heisst, Serviceleistungen müssen genauso flexibel, skaliert und agil erbracht werden, wie es eben eine digitale Lösung oder ein Produkt gerade benötigt. Hier kommt die Cloud ins Spiel: Die Strategie muss so ausgerichtet sein, dass Technologie und Computing-Leistungen die Anforderungen einer dynamischen Organisation erfüllen. So wird das entsprechende Cloud-Modell zum sprichwörtlichen Zünglein an der Waage. Entweder sie unterstützt und beflügelt die digitale Transformation oder sie wirkt sich als Klotzfuss lähmend auf sie aus.

 

Von der Hybrid Cloud zur Hybrid-Multi-Cloud

Durch den Cloud-First-Ansatz und die Digitalisierung wuchs der Bedarf an Cloud-Services (insb. Public-Cloud-Lösungen) in den letzten Jahren stark an. Das in unserer ersten Cloud-Strategie umgesetzte Betriebsmodell stösst deshalb zusehends an seine Grenzen. Den neuen Ansprüchen einer adaptiven, dezentral operierenden Organisation wird das Modell auch nicht mehr gerecht. Gleichzeitig entwickelte sich der Public-Cloud-Markt signifikant und hat enorm an Reife gewonnen. 

Um als Unternehmen davon zu profitieren, empfiehlt es sich, ein ausgewogenes Portfolio von Private- und Public-Cloud-Angeboten zusammenzustellen. Mit unserem Strategie-Update 2019 – 2022 verlagern wir deshalb den Fokus vom «Hybrid-Cloud-Ansatz» zum «Hybrid-Multi-Cloud-Ansatz». Das heisst, wir binden zusätzlich weitere Public-Cloud-Anbieter ein (Public Cloud first) und stellen so sicher, dass wir jederzeit über die richtige Kombination von stabilen, sicheren sowie innovativen XaaS- und Com­puting-Angeboten verfügen. 

Mit dem beschriebenen Strategie-Update entwickeln wir uns als SBB-Informatik vom «IT-Betreiber» zum «Cloud Service Inte­grator» weiter. Das heisst, wir agieren als Bindeglied zwischen den internen Anspruchsgruppen und den Cloud-Provi­dern. Wir orchestrieren und organisieren den sicheren und einfachen Umgang mit den Virtual Private Clouds und den Public Clouds. Mit diesem Ansatz werden wir den Anforderungen der dezentral organisierten Produktteams gerecht. Weil diese ihren Bedarf nach dem Self-Service-Ansatz zentral über die digitalen Services beziehen, werden sie in ihrer dezentralen Autonomie gestärkt, die wiederum eine Voraussetzung ist, damit sich eine adaptive Organisation überhaupt entfalten kann. 

 

Fazit: 

Der richtige Cloud-Mix ist entscheidend Eine adaptive Organisation wird ihrem Anspruch nur soweit gerecht, wie flexibel und skalierbar sie die für ihre Produkte benötigten Services beziehen kann. Eine Cloud-Strategie hat deshalb zum Ziel, einerseits den Bezug von Services so flexibel und bedarfsgerecht wie möglich zu gestalten, und andererseits zu garantieren, dass diese Services stabil und sicher funktionieren. Die Balance zu finden zwischen Flexibilität und Stabilität steht generell für die Herausforderung der digitalen Transformation. Der Einsatz der Cloud bzw. deren Mix im Rahmen einer differenzierten Cloud-Strategie entscheidet somit massgeblich mit, wie angenehm die Reise wird: mit frischem Rücken- oder garstigem Gegenwind. 


Peter  Kummer
Peter Kummer

Peter Kummer ist seit neun Jahren als CIO für die IT der SBB verantwortlich. Als Mitglied der SBB-Konzern
leitung treibt er die Digitalisierung aktiv voran. Er hat Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik an der Universität Bern studiert und ist Vater von vier Mädchen. 

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